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Geschichte von Bleistadt

1350, 2.1.: Hartenberger Lehensrevers: König Karl von Böhmen (Karl IV.) bestätigt den Söhnen des Albert I. von Hertenberg den Hertenbergischen Besitz als als Lehensnehmer und Vasallen der Krone Böhmens mit den explizit genannten Dörfern Gossengrün, Loch, Blumberg, Adelsberg (Bleistadt !), Bürgleins (Pürgles), Lupardsgrün (Leopoldshammer), Radwandsgrün (Robesgrün), Werth, Oberschossenreuth, Lauterbach, Markwartsgrün (Marklesgrün) und das halbe Dorf Horn mit den Bleibergwerken (Archivum coronae regni Bohemiae II 155). 

Die Orte Prünles (früher: Kaltenbrunn), Bernau, Josefsdorf und Annadorf sind erst in späteren Jahrhunderten entstanden. 

1486, 31.5..: Wenzel Schlick, Neffe von Kaspar und Matthäus Schlick wird durch König Wladislaw von Böhmen "mit dem Schloß Hartenberg im Elbogener Kreis, zudem damals die nachstehenden Dörfer gehörten: Gossengrün ..., Plumberg, Horn, Lauterbach, die Öde im Kaltenbrunn (= Prünles)  Werth, Altenberg (= Bleistadt), Pürgles, Marklesgrün, Liebhartsgrün, einen Hammer (Leopoldshammer) und eine Sägemühle darunter..." (Eißner, S. 13)

1523, 2.3.: Graf Stefan Schlick, der kurz zuvor die Bergrechte in der Hertenberger Herrschaft von Wolf von Hartenberg auf Pichelberg um 270 Gulden (Gedenkbuch Bl. # 25) erworben hatte, gründet die Ortschaft "auf der pleystat". Es handelt sich wohl um eine Umbenennung der schon bestehenden Ansiedlung Adelberg oder Altenberg (vgl. Eisner S. 15).  Stefan Schlick bestimmt als regierender Herr für sich und seine Brüder: "Und wollen hiermit, solch Bergwerk mit Namen sich derfurt an zu gebrauchen in die Bleistadt genannt, auch daß vom jeden als so und nicht anders gehalten, ernstlich befohlen sein". Im 1. Bleistädter Bergbuch (nach Sommer, 1845, S. 57 wird das Bergbuch  im Jahre 1524 begonnen) ist die Lokalisierung für die St.-Andreas-Zeche als "auffn Prünlaß" bezeichnet.

Für die Grafen Schlick mit ihren ertragreichen Silbergruben in St. Joachimsthal ist Blei für die Verhüttung des Silbererzes von besonderer Bedeutung. Silberhaltiges Erz wird zunächst mechanisch vom tauben Gestein gelöst und zerkleinert. Danach wird es mit Bleierz vermischt und durch Erhitzung auf etwa 1100 Grad in den flüssigen Aggregatzustand versetzt. Nachdem die oben schwimmende Schlacke abgeleitet wird, lässt man die Schmelze des silberhaltigen Rohbleis bis auf etwa 450 Grad abkühlen. Nun kann das an der Oberfläche erstarrende Silber vom noch flüssigen Blei getrennt werden. 

1524: Beginn des Baues der Kirche von Bleistadt unter dem Patrozinium des Erzengels Michael, wobei "seine Majestät der Kaiser (Ferdinand I.) stets das Patronatsrecht ausübt" (Anmerkung des Pfarrers Alois Kasparek im Memorabilienbuch von Bleistadt, S. 3)

Folgende lutherischen Prediger,Priester, Diakone wirken in Bleistadt (vgl Memorabilienbuch S. 3 bzw. Kirchenbuch 1 von Bleistadt):

- Vitus Kalle v. Schneeberg ab 1539 (Eißner S. 55)

- Georgius Loescher v. Oelsnitz ab 1542 (Eißner S. 55)

- Jacob Joel unbest. Zeitangabe (Eißner S. 55)

- Ambros Flader v. Lichtenstein ab 1563

- Bartholomäus Kratzschen ab 1570

- Nikolaus Rutherus ab 1574

- Nikolaus Prödel (Eißner: Röckl) ab 1581

- Valentin Löw von Adorf ab 1594

- David Troll v. Oelsnitz ab 1599

- Balthasar Gallos ab 1624 (vgl. Eißner)

1539, 5.11.: Nach dem Wittenberger Ordiniertenbuch tritt Vitus Kalle, "Berckgesell [Bergmann!] aufm Schneeberg, gein Bleistadt beruffen" das lutheranische Pfarramt in Bleistadt an. Nun gewinnt der Protestantismus derart rasant an Boden, daß offensichtlich nicht genügend ausgebildete Priester zur Verfügung stehen und in großem Umfang Laien in die Pfarrämter berufen werden müssen, wohl eher Prediger als Priester. "Die Kirche in Bleistadt war neben der Kirche in Heinrichsgrün die erste lutherische Pfarrkirche im Elbogener Land" (Eisner, S. 17). In Bleistadt hat sich bereits frühzeitig die lutherische Version des Protestantismus voll durchgesetzt, wobei im Kirchenritus auf die lateinische Sprache verzichtet wird und der Marien-, Heiligen und Totenkult abgeschafft ist. Wert legt man auf die Kommunion unter beiderlei Gestalt (Brot und Wein), ein zentrales Element der Abgrenzung zum Katholizismus bei "ansonsten weitgehender Freiheit der einzelnen Priester bezüglich der Zeremonien, etwa auch der Führung der Kirchenbücher, wo in Bleistadt auch jede Person notiert wurde, die an einem Sonntag "zu den Sakramenten" gegangen ist. In dieser Zeit ist auch bei den Lutheranern die Ohrenbeichte am Tag vor dem Abendmahl geübte Praxis, die v. a. in den sächsisch orientierten Kirchen seit 1580 allgemein verpflichtend ist. Erst seit dem 17. Jahrhundert verdrängt das allgemeine Sündenbekenntnis die Einzelbeichte. Teilweise wird von der Lutheranern sogar der von den katholischen Pfarreien seit dem "rituale romanum" von 1614 vorgeschriebene Seelenbericht in den Kirchenbüchern geführt, in dem für jede Familie einzutragen ist, welche Personen zu ihr gehören (auch die Dienstboten) und ob alle die Sakramente empfangen haben. Darüber hinaus enthält er auch eine Beurteilung ihres sittlichen Lebenswandels. Die Zeit der Verlobung wird möglichst kurz gehalten, damit es nicht etwa zu unziemlichen vorehelichen Kontakten kommt. "Hatte sich jedoch herausgestellt, daß die Brautleute schon vor der Trauung sexuell miteinander verkehrt hatten, erhält die Feier den Charakter eines Bußgottesdienstes. Nachdem man all dem geduldig beigewohnt hatte, ging es zur Hochzeitsfeier mit Festmahl und Tanz".

1542:  Georgius Löscher "vonn Ölsnitz, Schulmeister und Stadtschreiber zu Falkenaw" wird Pfarrer von Bleistadt.

1552, 19.7.: Das Bergwerk von Bleistadt ist derart heruntergekommen, daß Kaiser Ferdinand I., um es wieder zu heben, einen Anteil gekauft hat und dem Joachimsthaler Münzmeister Rupprecht Pullacher und Anton Rotter aus Leipzig den Erzkauf für 20 Jahre überträgt unter festgelegten Bedingungen überträgt (Zartner, S. 80). Kaiser Ferdinand verfügt auch eine Organisationsveränderung, indem er die herrschaftlichen Bergwerke dem Joachimsthaler Berg-Oberamt unterstellt (Sommer 1845, S. 56.

1553, 8.1.: "hat der Adel, Lehensleute, Städte, Märkte und Bauernschaft  in Pfandschaft geschworen dem Heinrich von Meißen ..." (vgl. Bernau, S. 7). Kurz darauf kam es zu Auseinandersetzungen der Witwe Heinrichs mit Bleistadt bezüglich der Bleistädter Bergwerke, insbes. wegen der Bezahlung für das Erz (Zartner, S. 81 f). 

1558, 16.1.: König Ferdinand I. erhebt den Ort Bleistadt zur "königlich freien Bergstadt", einer rechtlichen Sonderstellung, die nach einer Einigung zwischen dem König und der Grundherrin der Herrschaft Hertenberg, noch einmal 1561 mit geringen Änderungen wiederholt wird. Die hierin bestätigten Freiheiten betreffen in 15 Punkten (Text transkribiert bei Eißner, S. 22  f.) insbesondere die Befreiung von der Dienstverpflichtung gegenüber dem Grundherrn (Herrschaft Hartenberg), das Eigentumsrecht und das Recht der Freizügigkeit, wie sie bereits in der Schlick'schen Urkunde von 1523 bestätigt waren. Ebenso werden die alten bergwerksbezogenen Rechte wie die Holzlieferung aus den Hartenbergischen Wäldern der näheren Umgebung bestätigt. Die Stadt erhält nun die niedere Gerichtsbarkeit (die Blutgerichtsbarkeit für die schweren Strafen verbleibt beim Landesherrn), ein samstägliches Marktrecht einschließlich der Zollfreiheit für die Marktbelieferung und eine Zehentminderung und Zinserleichterungen für die folgenden zehn Jahre. Darüber hinaus erhält die Stadt weitere Rechte wie die Genehmigung zur Errichtung eines Salzkastens, eines Malzhauses, einer Badstube und einer Mühle. Mit dem Stadtrecht erhält Bleistadt auch das Besetzungsrecht der Pfarrei und der Schule übertragen (damit verbunden sind natürlich auch die Unterhaltsverpflichtungen für Pfarrer und Cantor).

1560: Beginn der Kirchenbücher von Bleistadt durch Pfarrer Ambrosius Flader aus Lichtenstein nach Wittenberger Ritus - zunächst nur mit den Trauungseinträgen, ab 1570 auch mit den Einträgen zu Taufen und Beerdigungen, dann durch den Pfarrer Bartholomäus Kratzsch. Enthalten sind auch die Einträge zu den Dörfern Horn und Prünles . Die Einträge sind allerdings in den ersten Jahren sehr knapp gehalten; bei Trauungen wird nur der Name des Bräutigams, bei der Braut wird neben ihrem Vornamen auch der Name des Vaters genannt. Bei Taufen ist der Vorname des Täuflings und der volle Name des Vaters eingetragen - nicht der Mutter. 1586 werden kurzfristig auch die "Confitentes", die sich zur Lutherischen Lehre Bekennenden angeführt.

1561, 2.6.: Ferdinand I. verleiht die gewöhnlichen Bergfreiheiten (Sommer 1845, S. 56). Gemäß dem erneuerten Bergrecht werden Bergleute und Bewohner von Bleistadt wegen ihrer Schulden, die sie außerhalb der Krone Böhmens gemacht haben, durch 10 Jahre hindurch nicht belästigt. Wer diese Wohltat genießen will, muß sich bei der Obrigkeit melden, darf aber 'nit mit malefiz sachen' beladen sein", [d. h. er darf kein Verbrechen begangen haben]. Durch diese Offerte sollen vor allem die in Abbau und der Verhüttung von Erzen versierten Bergleute aus Sachsen angelockt werden. Ob die Stadt durch dieses Lockmittel Vorteile hatte, bleibt dahingestellt; sicher aber wird die Bevölkerung recht bunt zusammengewürfelt und darunter auch Leute mit einer oft recht fragwürdigen Vergangenheit gewesen sein. 

Am 8.1.1553 "hat der Adel, Lehensleute, Städte, Märkte und Bauernschaft  in Pfandschaft geschworen dem Heinrich von Meißen ..." (vgl. Bernau, S. 7). Kurz darauf kam es zu Auseinandersetzungen der Witwe Heinrichs mit Bleistadt bezüglich der Bleistädter Bergwerke, insbes. wegen der Bezahlung für das Erz (Zartner, S. 81 f). 

1563, 18.7.: "Ambrosius Fladerus Lichtensteinensis vocatus a senatu ad docendum Ecclesiam Christi in oppidulo pleistadt". Der Pfarrer ist also vom Gemeinderat des Städtchens Bleistadt berufen worden, eine erstmalige Nennung eines Gemeinderates, in diesem Falle unter einem Bürgermeister Nickel Hammerschmidt. Im gleichen Jahre beginnen auch die zunächst von einem protestantischen Priester namens Bartholomäus Kratzsch geführten Matriken. 

1569: Bleistadt erhält mit Wolf Hübner einen hauptamtlichen Lehrer. Die Schule wurde wahrscheinlich in den ersten Jahren nach Erteilung des Stadtrechtes noch vom Pfarrer geleitet.

1570, 23.7.: Der lutherische Pfarrer von Bleistadt, Bartholomäus Kratzsch beginnt mit der Aufzeichnung derjenigen Gläubigen, die das Sakrament "in beiderlei Gestalt" erhalten haben, sozusagen als Dokumentation der Absonderung von der römischen Tradition (Kirchenbuch Bleistadt 1, Anhang). 

1574: Der Brünleser Bergstollen "alter Brunles" erwähnt.

1595: Beistadt hat "fast Vff die 70 feuerstett" (entspricht etwa der Zahl der Haushalte). Bei etwa sieben Personen je Haushalt  - das Dienstpersonal dürfte in diesen Anfangsjahren wohl nicht allzu stark vertreten gewesen sein - hat Bleistadt somit gegen Ende des 16. Jahrhunderts knapp 500 Einwohner.

1597, 8.7.: Heinrich von Pisnitz kauft die Herrschaften Hartenberg  um 16.000 Schock Groschen und Schönbach um 12.000 Schock Groschen von der königlichen Kammer als freien Allodialbesitz (also nicht mehr nur als Pfand). Der Holzbedarf der Bergwerke von Bleistadt wurde ebenfalls vertraglich gesichert. Das Blei soll - abgesehen von nicht schmelzbarem Bleierz, das an die Töpfer verkauft werden kann, an die Hütten in Joachimsthal geliefert werden (vgl. Bernau, S. 8, Zartner, S. 81). 

1599, 3.9.: In einem Vertrag zwischen dem Kaiser und Pisnitz wegen der Bleistädter Bergwerke verpflichtet sich die Herrschaft Hartenberg zur Gestellung des erforderlichen Holzes zu Vorzugsbedingungen. Dagegen steht Pisnitz als Grundherrn der Zehent von den geförderten Bleierzen zu. In diesem Vertrag überläßt Pisnitz dem Kaiser ¾ des Zehentertrages. Das Vorkaufsrecht sichert sich Pisnitz und für diese Schenkung beansprucht er den Erzkauf in Bleistadt, sobald der Vertrag mit Pullacher und Griesbeck [den seinerzeitigen Erzkäufern] abgelaufen ist, ausgenommen, der Kaiser behält dann den Erzkauf selbst. 

1599: Heinrich v. Pisnitz verbietet den Hornern und Prünlesern unter Androhung von Leibesstrafe, in die Bleistädter Pfarrkirche zu gehen, obwohl genannte Dörfer 'seit Mannes Gedenken' von Bleistadt aus seelsorgerlich betreut wurden und fordert sie auf, nach Gossengrün in die Kirche zu gehen, obwohl sie z. B. bei Begräbnissen durch Bleistadt ziehen mußten (vgl. die Anweisung der Polixena von Pisnitz vom 8.6.1663). Dadurch ging der Bleistädter Pfarrkirche der Pfarrzehent verloren. Zur Bleistädter Pfarrei gehören zunächst keine Dörfer. "Da aber Bleistadt früher von der Herrschaft Hartenberg aus besetzt wurde, hatte es gar keine Schwierigkeiten, daß Horn und Prünles, die nahe an Bleistadt lagen, in die dortige Pfarrkirche gingen". Wir finden daher in den frühen Matriken auch Eintragungen zu den Dörfern Horn und Prünles.

1600: "Pißnitz läßt den "Gottespfennig" von zwei Zechen, der eigentlich der Bleistädter Pfarrkirche gebührt, nach Gossengrün abführen. Bei den jährlichen Prozessionen und Bergfesten hatte es Streit gegeben. Von nun an gehen an den Bittagen die Bergleute von St. Johannes mit der Bleistädter Prozession, die Bergknappen von S. Andreas zur Bleistädter Prozession" (Erlbeck Reinhold, Erlbeck Wilhelm: Gossengrün, S. 11).

1603: Unter Pastor David Troll aus Dotterwies erhält Bleistadt 1603 das neue Gotteshaus, das bis 1897 stehen soll. Zwei farbige Glasfenster werden von den Nürnberger Ratsherren Gebrüder Paul, Christoph und Friedrich Beheim gestiftet (Sommer 1845, S. 57).

1609, 30.9.: Nachdem Johann Heinrich von Pisnitz für das aus seinen Wäldern für den Bleistädter Bergbau geschlagene Holz einen höheren Preis verlangte und letztlich sogar den Holztransport durch sein Hertenberger Gebiet unterband, erhielt Pisnitz nach Beschwerde der Erzkäufer von seiner Majestät eine strenge Ermahnung.

1621, Febr.: Truppen der protestantischen Union unter Feldmarschall Graf Mansfeld besetzen den Elbogener Kreis, zu welchem auch Bleistadt gehört.

1631: Als das sächsische Kriegsvolk nach seinen Siegen bei Breitenfeld in Böhmen einbricht, kehren viele vertriebene protestantische Prediger zurück und nehmen ihre seelsorgerliche Tätigkeit wieder auf. So weilt zu Beginn des Jahres 1632 der vertriebene Diakon Balthasar Gallus in Bleistadt, predigt und tauft. 1636 sind alle Bleistädter nach einem Bericht des Oberamtsverwalters noch 'lutterisch'.

1636: In der Spätzeit des 30-jährigen Krieges tritt in Bleistadt der Stadtschreiber Johann Köppel an die Stelle des Priesters. Nach dem Eintrag bei Eißner (S. 56 f.) wirkt um 1636 der lutherische Diakon Balthasar Gallus zeitweise in Bleistadt, aber von einer geregelten seelsorgerlichen Betreuung kann nicht die Rede sein.

1638, Oktober: Die Bleistädter beschweren sich beim Kreishauptmann wegen fortwährender Einquartierungen und Plünderungen, welcher die Stadt ausgesetzt war. Man möge dies einstellen, um den Bergstädten wieder aufzuhelfen. Diese Nachricht läßt den Schluß zu, daß man die Bergstädte als Bollwerk des Protestantismus namentlich mit Einquartierungen früher mürbe machen wollte. Sie konnten sich den Reformationsbefehlen des Kaisers widersetzen, da man auf die Erträgnisse des Bergbaues vielfach angewiesen war.

1639, März: hatte Bleistadt eine Einquartierung und eine Kontribution an das Schlangische Regiment zu zahlen. 

1640 bis 1642 "bekam die Stadt 1640 fl 20 Kr. 3 wg. an Kriegskosten vorgeschrieben".

 

1650, 2.10.: In Bleistadt trifft die kaiserliche Reformationskommission ein, "und mit diesem Tage hatte Bleistadt amtlich die katholische Religion angenommen. Der Übertritt zur kath. Religion war vollzogen, aber solange keine geordnete Seelsorge einsetzte, konnte von einer inneren Bekehrung keine Rede sein, wie dies späteren gelegentlichen Bemerkungen deutlich zu entnehmen ist. Kaiser Ferdinand will nun mit aller Macht die Rekatholisierung in seinen Erbländern durchführen. Probleme ergeben sich insbesondere wegen des Mangels an geeigneten katholischen Seelsorgern. Einerseits sind die Einkünfte der Pfarreien nach dem Kriege teilweise katastrophal, was die Bewerbungen auf ein Pfarramt nicht gerade unterstützt; andererseits hat man in den Kriegsjahren die Ausbildung der katholischen Priester mangels Bedarfs vernachlässigt. "Es blieb nichts anderes übrig, als nunmehr jeden, der sich dazu meldete, zum Pfarrer zu machen. Das war die große Zeit für verbummelte Studenten! Vom Zölibat wollten solche Leute natürlich nichts wissen, sie brachten recht oft sogar zwei oder drei Frauen mit sich, und wenn der Bischof etwas dagegen hatte, so war er machtlos, denn diese Leute drohten sofort mit Kündigung".

Das Resultat der Überprüfung der Reformationskommission faßt das Memorabilienbuch kurz zusammen: "1651, 2.10. sind die bleystädter Bürger, die dem Lutherthume sehr ergeben waren, wieder zur christkatholischen Religion übergetreten".

Folgende katholische Priester wirken im Jahrhundert nach der Rekatholisierung in Bleistadt (vgl. Kirchenbuch 1 von Bleistadt bzw. Memorabilienbuch S. 4):

- Vinzenz Wilzbacher ab 1660

- Johann Wilhelm Laube aus Joachimsthal, ab 1662

- Andreas Ettner ab 1663

- Johann Thomas Breinl 

- Kaspar Joseph Lorenz ab 1673

- Johann Ignaz Egermann ab 1674, dann wieder ab 1688

- Johann Wenzel Seeling ab 1674

- Nivard Waldhöfer ab 1702

- Anton Haidler ab 1705

- Josef Schmidl ab 1725

- Anton Kratschmer ab 1760

8.6.1653: Auseinandersetzung zwischen Polixena Maria Baronin von Pisnitz und der Gemeinde von Bleistadt wegen der Kirchenzugehörigkeit der Dörfer Horn und Prünles, die rechtmäßig zum Kirchensprengel Gossengrün gehören (Kirchenbuch Gossengrün 4; # 180, # 186 f.).

1654: Berni Rula: Nach den Zerstörungen des Krieges sind viele Dörfer Böhmens entvölkert. Um der königlichen Verwaltung eine Übersicht über über die verbliebenen steuerpflichtigen Untertanen zu geben, erfolgt nun eine flächendeckende Ermittlung der bestehenden Steuereinheiten mit der Auflistung der beruflichen Tätigkein und bei Bauern - auch Nebenerwebslandwirten - der agrarisch genutzten Flächen und des Viehbestandes. In dieser Hinsicht werden alle Haushalte mit der Nennung des Haushaltsvorstandes der Bergstadt Bleistadt erfaßt. Hierbei erstaunt, daß auch viele Bleistädter neben ihrer aufgeführten Tätigkeit als Handwerker oder Bergmann auch Ackerbau und Viehzucht betreibt. 

1659: Die Erzförderung wird durch die Einrichtung des St. Petrus-Stollen (Peterstollen) in Bleistadt intensiviert.

1660: Bleistadt weist 62 Häuser auf und dürfte damit auf eine Einwohnerzahl von etwa 420 Personen kommen.

1660, 3.4.: Der Besitzer des St. Andreas-Zeche in Prünles, Tobias Franciscus Kalcher von Kalchern, stiftet das Bild des Hochaltars der Bleistädter Pfarrkirche. In späteren Jahren kommen von ihm noch mehrere hochwertige Stiftungen hinzu, darunter den Tabernakel, das silberne Ziborium und die Monstranz (Memorabilienbuch S. 5).

1661 kommt es zu einer Blatternepidemie, der vor allem Kleinkinder zum Opfer fallen (vgl. Sterbematrik Bleistadt zu 1661).

1662, 13.2.: Bleistadt erhält seinen ersten eigenen katholischen Pfarrer, Wilhelm Laube, aus Joachimsthal.

1663, 8.3.: Anweisung der Polixena von Pisnitz bezüglich er Pfarreizugehörigkeit der Dörfer Horn und Prünles zur Pfarrei Gossengrün im Kirchenbuch 6 von Gossengrün.(nach den Beerdigungseinträgen von 1701).

1664 wird das Hammerwerk in Lindenhammer zur Herstellung von Werkzeugen für den Bergbau errichtet.

1668: Die Pfarrkirche von Bleistadt hat gem. Aufschrift eine Orgel (Sommer 1845, S. 57).

1672: Das erste Stadtbuch von Bleistadt beginnt mit der Rats- und Bürgerliste unter der "Regierung Joseph Strützels Bürgermeister" und dem Richter Johann Junker.

1700, 2.5.: "Durch eine Feuersbrunst (wird) fast ganz Bleistadt ein Raub der Flammen, unter anderem auch das Rathaus mit allen Schriften und Aufzeichnungen (Zartner, S. 82). Das alte Rathaus befand sich an der Stelle der späteren Schule NC 167.

1711: Bereits unter Karl VI. begann man, Steuern auf der Basis des Grundbesitzes neu zu erheben, den sogenannten  Theresianischen Kataster, der bis 1757 fertiggestellt war.  

1717: Paul Anton Klug von Grünberg stiftet in Bleistadt ein Spital, das z. B. 1845 4 Pfründler verpflegt und beherbergt (Sommer, 1845, S. 56).

1742: In Bleistadt werden "21 Scheibenschützen zum Kriegsdienst angefordert. Von Feindes und Freundesseite gab es Einquartierungen und Vorschreibungen zu Lieferungen von Lebensmitteln, Heu und Stroh. Kam man den Anordnungen nicht nach, mußte man auf Drangsalierungen verschiedener Art gefaßt sein. So mußte z. B. 1742 Bürgermeister Hutter als Geisel in die französische Garnison nach Eger. Allen Anforderungen konnte man unmöglich nachkommen. Tatsächlich geliefert wurde von 1741 bis zum Beginn des Jahren 1746 an die feindliche Armee 2664 Portionen Brot, über 310 Zentner Heu, 233 Strich Hafer, dann etwas Korn, Weizen, Stroh und drei Ochsen; das alles entsprach einem Geldwert von 1188 fl 12 Kr. 5 ½ gr. Dazu noch Fuhrlohn, Liefergelder u.s.w. ergibt Summa Summarum 1583 fl 16 Kr 3 ¾ g. Die Lieferungen an die eigene Armee in derselben Zeit sind ungefähr ein Drittel weniger". "Die Kreispatentbücher dieser Zeit enthalten eine Unmenge Anweisungen für Kriegslieferungen. Neben Mehllieferungen hatte Bleistadt namentlich Heu und Stroh zu liefern und Transportfuhren zu stellen. Gewöhnlich waren Lobositz  Pirna  Dresden  Prag  Komotau  Eger u. a. die Bestimmungsorte. Da in Bleistadt nur kleine Häuslerwirtschaften existierten, die kaum den eigenen Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten deckten, mußte Bleistadt das Angeforderte selbst kaufen. Meistens wurden die Schutzjuden um Königsberg und Kirchenbirk mit diesen Geschäften betraut. Die Rekrutierungen wurden nach der Häuseranzahl der Ortschaften durchgeführt. So mußten z. B. 1755 Bleistadt, Schaben, Berglas und Maria Kulm zwei Mann stellen. Wie sich die Gemeinden einigten, darum kümmerte sich das Kreisamt nicht. Die Ortskinder hatten wenig Lust zum Militärdienste; so stellte man einmal einen preußischen Deserteur als Rekruten der österreichischen Armee. An Einquartierungen fehlte es natürlich auch in diesem Krieg nicht,  namentlich zum Kriegsende".

1748: Theresianische Verwaltungs- und Heeresreform: Ökonomischer Schwerpunkt des Habsburgerreiches ist Böhmen, das im Jahre 1742 etwa 65 Prozent des gesamten Steueraufkommens leistet. Bisher wurden die Beiträge (Kontributionen) der einzelnen Teilländer der Habsburger Monarchie zum Gesamtbudget (mit dem Hauptposten für das Militär) durch individuelle Verträge mit den jeweiligen Landständen festgelegt. Die Landstände forderten andererseits diese Kontributionen von ihren Untertanen mit einem Zuschlag von etwa einem Viertel zur Deckung der Kosten für die Einziehung der Steuern und diverser Ämter, u.a. für die Hofhaltung der Grafen und Fürsten in Wien. Darüber hinaus hatte die Landbevölkerung gegebenenfalls einquartierten Soldaten Unterkunft und Verpflegung gegen eine Erstattung von lediglich einem Kreuzer pro Kopf und Tag zu gewähren. Nach dem System Haugwitz wird nunmehr die Truppenstärke des Heeres halbiert und die Truppen werden in Kasernen auf Kosten des Hofes untergebracht, ohne Zwischenschaltung der Länder, die nach Leistungsfähigkeit einen jährlichen Fixbetrag an den Hof zu zahlen haben. Die Reichsstadt Eger wird auf dem Verwaltungswege dem Lande Böhmen eingegliedert. Die alte seit dem Spätmittelalter geltende Kreiseinteilung ist aufgelöst.

1767: Nummerung von Häuser:  Die Reihenfolge ist einigermaßen fortlaufend nebeneinander bzw. dem der Nummerierung zugrundeliegenden Rundgang entsprechend. Alle späteren Nummern beziehen sich auf Häuser, die zu dieser Zeit noch nicht vorhanden waren. Das nächste Haus erhielt eben die nächstfolgende Nummer ohne Rücksicht darauf, wo es stand und ob es sich in die Reihenfolge, die ja nicht nach Straßen ging, einreihen konnte. Dadurch kamen niedrige und hohe Hausnummern durcheinander, weil einmal da und einmal dort neu gebaut wurde. Der Volksmund sagte, das sind eingeflickte Nummern und man war stolz darauf, wenn man eine alte Nummer besaß. Sonst aber kümmerte man sich nicht viel um Hausnummern, dafür waren die Hausnamen jedermann bekannt.

1771: Hungersnot in Böhmen: Maria Theresia eine Urbarial-Komission, um die wirtschaftliche und rechtliche Situation der dortigen Landbevölkerung zu eruieren und um die Grundlagen für eine Landreform festzustellen. Auch Maria Theresias Sohn Joseph hält sich zur Zeit der Hungersnot in Böhmen auf; er zwingt die Gutsbesitzer, ihre Getreidespeicher für die Hungernden zu öffnen und spendet auch noch aus seiner Privatschatulle 400 000 Gulden zur Linderung der Not.

1784: Sprachenverordnung: Joseph II. will auch die Völker seiner Monarchie mit einem gemeinsamen Band der Sprache verbinden. So erklärt er 1784 die deutsche Sprache zur Amtssprache, "was von den nichtdeutschen Völkern erbittert abgelehnt wurde. Wenn die deutsche Sprache in den Vordergrund trat, so geschah das, um einen deutschen Beamtenkörper zu schaffen, der in dem vielsprachigen Reiche reibungslos nur in der deutschen Sprache miteinander und mit den vorgesetzten und untergeordneten Stellen verkehren konnte".

1785: Joseph II. bestätigt letztmalig die Rechte der Bergstadt Bleistadt, nun schon mit beträchtlichen Einschränkungen: Alle Rechte werden 'in soweit besagte Bergstadt Bleystadt in deren usu et possessione sich befindet, solche auch der jetzigen und künftigen Landesverfassung und Bergordnung nicht entgegenstehen allergnädigst bestätiget'. Der Kaiser stellt sich auf den Standpunkt, daß Rechte, die der Kaiser gegeben hat auch von ihm wieder eingezogen werden können. Daß die Bleistädter von den alten Vorrechten nicht gerne abließen, ist leicht verständlich. "Bleistadt besaß die niedere Gerichtsbarkeit, führte somit seine eigenen Grundbücher, Verlassenschaftsakte usw. Diese sollten nun 1812 nach Elbogen abgeliefert werden. Trotz zweimaliger Aufforderung geschah dies nicht, erst nach angedrohter Militärexekution wurde Folge geleistet".

1786: Gründung eines Armen-Instituts in Bleistadt durch Sammlungen, hat 1845 10 Arme aufgenommen (Sommer 1845, S. 56).

1803: Blatternepidemie, der v. a. Kleinkinder zum Opfer fallen.

1807 muß im ganzen Habsburgerreich alles Gold und Silber als Kontribution an Frankreich abgeliefert werden. Auch der silberne Hochaltar von Maria Kulm wird zu diesem Zwecke eingeschmolzen. Im gleichen Jahre wird durch kaiserliches Dekret das bisher zur Diözese Regensburg gehörende historische Egerland der Diözese Prag unterstellt. Napoléon wird in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.-19.10.1813 geschlagen und zieht sich über den Rhein zurück. Bei diesem Rückzug wird das Egerland wieder enorm in Mitleidenschaft gezogen. Ständig ziehen russische und preußische Truppen in Richtung Rheinland, die aus dem Land versorgt werden müssen.

1834, 2.10.: Beginn der Errichtung des Schulgebäudes in Bleistadt (Memorabilienbuch S. 5), das bis 1836 abgeschlossen ist und ab 4. Oktober bezogen werden kann.

1836: Anlage des Memorabilienbuches von Bleistadt. Hier erhalten wir eine Übersicht über die Verwaltungsstruktur der Stadt, des Bergamtes und der Pfarrei in diesem Jahr:

- Stadtrichter: Josef Seidl (ein Bürgermeister ist zur Zeit nicht bestellt)

- Syndikus: Josef Dörfler aus Gossengrün

- Gerichtsbeisitzer: Anton Seidl und Franz Pinhak

- Städt. Repräsentaten (so!): Ferdinand Junker, Anton Hojer

- Stadtschreiber: Ferdinand Schaufuß

- Provisorischer Bergmeister und "wirklicher Berggeschworener": Adalbert Bleidl

- Steiger: Valentin Hutter

- Bergwerksvorsteher: Anton Steinbach und Ignaz Schuster

- Pfarrer: Adam Kanzler, geb. in Tachau

- Kaplan: Johann Müller, gebürtig aus Plauen

- Chorrektor und Schullehrer: Wenzl Bachmann

1842  kommt es in Böhmen zu einer Missernte mit dem darauffolgenden Hungerwinter, der die Nahrungsmittelversorgung auch noch in den Folgejahren belastet. In Gossengrün war die Ernte durch Trockenheit und Hitze auf die Hälfte gemindert, die Wiesen brannten durch die Hitze vollständig aus. In der Gossengrüner Gegend kam es zur sogen. Erdäpfelkrankheit. Vor allem 1843 mußten die schwarzen Knollen auf dem Feld liegen bleiben (GG II # 19).

1842, 6.9.: In der Nacht auf den 7.9. wurde der frühere Ratswirt Vizenz Seidl vom Dach des Bleistädter Bräuhauses herab erschossen weil er wegen mangelhafter Kühlung das Bier verdorben hat. Täter war sein Neffe Josef Seidl. Das Kriminalgericht sieht die Sache als Notwehr an. 

1843, 28.2.: Bei Schneeräumarbeiten an der Winterleiten in Bleistadt wird der 17-jährige Anton Pinkak, Sohn des Schmiedemeisters Ferdinand Pinkak, von einer Lawine verschüttet und aus der Zwodau tot geborgen.(MB S.14).  

1844 kommt es daher in Prag zu Aufständen, die sich über das ganze Land ausweiten. Auch Notstandsmaßnahmen der Verwaltung in Prag können den Aufruhr nicht eindämmen, da gleichzeitig der Nationalitätenkonflikt immer wieder ausbricht. 

1845 wird die Straße von Gossengrün nach Bleistadt gebaut (Bernau, S. 14).

1847: Böhmen (ohne Mähren) weist insgesamt 4.405.934 Einwohner auf, davon 1.828.105 Deutsche (damit hatte diese Bevölkerungsgruppe einen Anteil von 41,7 % an der Gesamtbevölkerung). In Prag selbst ist die Mehrheit der Bevölkerung deutschsprachig. Hier rechnet sich auch das jüdische Bürgertum überwiegend zur deutschen Volksgruppe. 

1847: Nach Johann Gottfried Sommer (Sommer 1847, S. 55 ff.) wird Bleistadt zur Mitte des 19. Jahrhunderts u.a. so beschrieben:

"Die Einwohner leben von etwas Feldbau und Viehzucht, meistens aber von Arbeiten beim Bergbau, zum Theil aber auch von Handwerksbetrieb, das weibliche Geschlecht von Spitzenklöppelei,deren Erzeugniß die Männer hausierend verkaufen ... Der Boden ist ein dürftiger seichter Humus ... die Fruchtbarkeit ist gering. Man baut etwas Sommerkorn und Haber, meistens aber Erdäpfel. In Gärten findet man einige Obstbäume geringer Sorten ... Bergbau auf Blei wird zu Handen des k. k. Montan=Aerars auf zwei Werken: St. Joseph=Zeche (Lehnträger Joseph Edler von Stark) und St. Peter und Paul=Zeche (Lehnträger Andreas Kummer) betrieben. In Bleistadt ist ein dem k. k. Berggericht zu Joachimsthal unterstehendes k. k. Bergamt, doch werden gegenwärtig die unbesetzten Stellen des Berggeschwornen und Berggerichts=Substituten von einem Berg=Praktikanten versehen. Gewerbsleute sind: 4 Bäcker, 2 Bierschänker, 1 Bräuer, 2 Faßbinder, 2 Fleischhauer, 1 Galanterie= Händler, 1 Glaser, 3 Griesler, 3 Klämpner, 1 Kürschner, 4 Lohgärber, 3 Müller, 1 Nagelschmiedt, 3 Schmiedte, 2 Schneider, 3 Schuhmacher, 3 Spitzenhändler, 1 Tischler, 4 Töpfer und 2 Wagner; Handel treiben 3 Besitzer von gemischten Waarenhandlungen und 1 Hausirer. Die Jahrmärkte (Mont. nach Rogate und am 2. Mont. vor Michaeli) bieten in 24 Buden und Ständen hauptsächlich Tuch=, Schnitt= und Kürschnerwaren feil ... Die Stadt ... zählt 170 H. mit 1026 E., hat unter dem Patronate Sr. Maj. des Kaisers 1 Pfarrkirche zum heil. Erzengel Michael, und 1 Pfarrei unter dem Patronate der Stadtgemeinde 1 Schule; ferner 1 k. k. Bergamts=Gebäude, 1 städtisches Rathaus, 1 do. Bräuhaus (auf 10 Faß), 1 Einkehr=Wirthshaus und 3 Mühlen, worunter 1 mit Brettsäge ... Die Ortsbehörde ist ein Stadtrichter=Amt mit einem Stadtrichter und einem Stadtschreiber". Es folgt u. a. die Beschreibung der (alten) Kirche.

1848: In Folge der Revolution, die vor allem in den Großstädten Wien und Prag blutig niedergeschlagen wurde, wird in Böhmen die alte Kreisverfassung durch politische Bezirke ersetzt, die sich wiederum aus mehreren Gerichtsbezirken zusammensetzen. Die Verwaltung wird hierduch hierarchisch strukturiert und die Organe der staatlichen Sicherheit dezentralisiert. Bleistadt und die Herrschaft Hartenberg - bisher dem Elbogener Kreis zugeordnet - gehören nun zum neu eingerichteten Kreis Falkenau. Bürgermeister ab dem Jahre 1848 sind (nach Gedenkbuch Bleistadt # 18):

- Leopold Wassermann (auch Berggeschworener) 1848-1851

- Josef Pinhack 1851 - 1854

- Josef Ignaz Kulf 1854 - 1857

- Josef Ignaz Ubl 1857 - 1860

- Valentin Ubl 1860 - 1863

- Eduard Seidl 1864 - 1866

- Anton Ubl 1867 - 1872

- Johann Bartl 1872 - 1875

- Josef Pinhack 1875 - 1877

- Ignaz Gerstner 1877-1879

- Ludwig Gerstner 1879 - 1885

- Eduard Seidl 1886 - 1888

- Josef Seidl 1888 - 1895

- Josef Ehm 1895 - 1898

- Valentin Seidl ab 1898

1854: Das "kleine Geld war aus dem Verkehr ganz verschwunden. Die Leute wußten sich bei Käufen und Verkäufen nicht zu helfen. In dieser Kleingeldnot zerschnitt oder zerriß man die 1-Gulden-Banknoten zu 60 Kr in vier Stücke, die als Zahlungsmittel Verwendung fanden. Zwei Geschäftsleute in Gossengrün gaben eigenes Papiergeld (Notgeld) heraus (GG II # 20).

1860: Die älteste Zeche, die bereits vor der Gründung Bleistadts im frühen 16. Jahrhundert bestehende St.-Andreas-Zeche, stellt den Betrieb ein.

1866, März: Mobilisierung der österreichischen Armee, als ein Krieg gegen Preußen (und Italien) droht. Die Infanteristen der Herrschaft Hartenberg sind im Regiment 73 zusammengefaßt. In der Schlacht von Jitschin am 29. Juni verlor das Regiment (bei einer Stärke von 162 Offizieren und 3.672 Soldaten) 27 Offiziere und 540 Mann, in der Schlacht von Chlum/Königgrätz 4 Offiziere und 146 Mann bei insgesamt noch zusätzlich über 1.300 Verwundeten. Der folgende Rückzug nach Südböhmen mit diversen Epidemien brachte noch einen weit erheblicheren und nicht mehr registrierbaren Blutzoll (Ladek Karl: Geschichte des k. u. k. Infanterieregiments Albrecht Herzog von Württemberg Nr. 73. Prag 1912, S. 46 ff). 

1876: Der Bleibergbau in Bleistadt ist zum Erliegen gekommen (Zartner, S. 85). Die Stollen müssen immer tiefer getrieben werden, das Problem des Auspumpens von Wasser wird immer kosten-trächtiger, der Erzgehalt sinkt mit zunehmender Tiefe. Außerdem läßt die Nachfrage nach Blei wegen der sinkenden Silberproduktion in Joachimsthal und vor allem wegen der Anwendung des Amalgamationsverfahrens bei der Raffination von Silber nach. Begrenzte Absatzquellen taten sich allerdings bei den Töpfereien in der Gegend von Wildstein auf, die ihren Tonmaterialien Bleioxyd beimischten, womit die Tonwaren einen Glasurüberzug erhielten. Auch wegen des preisgünstigen Angebots an Bleierz aus dem Harz, Ungarn und der Steiermark ist das hier geförderte Erz nicht einmal mehr zu den Gestehungskosten absetzbar. Als Erwerbsmöglichkeiten verbleiben nun neben land- und forstwirtschaftlichen Aktivitäten und dem örtlichen Handwerk nur Klein und Kleinstindustrie wie Knopfdrechslereien und Nähereien als Heimindustrie im Verlagssystem, eine "Tuterlfabrik" und später eine Dampftischlerei (Valentin Ubl). Einige Frauen versuchen, durch Klöppeln von Brüsseler Spitzen etwas zur Aufbesserung der Haushaltskasse beizutragen; aber die Konkurrenz in den anderen armen Bergsiedlungen des Erzgebirges drückt natürlich den Preis. 

1876, 1.6.: Eröffnung der Eisenbahnverbindung von Falkenau nach Graslitz durch die Buschtehrader Eisenbahngesellschaft (benannt nach dem Gründungsort der Gesellschaft in Buschtehrad bei Kladno in Mittelböhmen) mit Station in Zwodau, Unterbleistadt und Annathal bei Weiterführung 1886 über Graslitz ins sächsische Klingenthal.

1889, 21.7.: Mittags um 1 Uhr vernichtet ein Feuer die Häuser N.C. 104, 105, 106 und 107 (Scheune) am Ringplatz in Bleistadt, angezündet von Kindern im Hause Nr. 105. Die Häuser  N. C. 104 (Tischlerei Valentin Ubl), 106 (Anton Scherbaum) und eine hausähnliche Scheune von N. C. 107 werden im gleichen Jahr wieder aufgebaut.(MB S.53).

1890: Die Fabrikation von Perlmutterknöpfen in Bleistadt kommt wegen der Zollerhöhung auf Importe in die USA in enorme Schwierigkeiten, da ein Großteil der Exporte in die USA geht. Die ohnehin kargen Erlöse schmälern sich noch weiter (vgl. Memorabilienbuch S.55). Die Bevölkerung Bleistadts (ohne Dörfer) ging wegen der wirtschaftlichen Probleme, u. a. im Bergbau von 1100 (1880) auf 911 (1890) v. allem des Abwanderung vieler Handwerker nach Delmenhorst zurück.

1891, 2.9.: "wurde der hiesige Stadtsekretär Franz Otto wegen Verbrechens der Religionsstörung (besonders Roheiten über die hl. Mutter Gottes) zu 6 Wochen schweren Kerker, verschärft mit 2 Fasttagen [vom Kreis gericht Eger] verurtheilt" (Memorabilienbuch S.56). Franz Otto legt gegen das Urteil Berufung ein. Hintergrund dieser Angelegenheit ist die "feindselige Auseinandersetzung"  im Bleistädter Stadtrat zwischen der Gerstner-Partei um die drei Brüder Gerstner und der Seidl-Partei um den Bürgermeister Josef Seidl, wobei sich auch der Pfarrer massiv in die Diskussion einmischt und den Stadtsekretär Otto (aufseiten der Seidl-Partei) als treibende Kraft in diesem Streit darstellt (ausführlich in MB ab S. 56, insbes. ab S. 65). 

1892, 23.5.: Gründung der Glasfabrik in Unterbleistadt (Louisen-Gashütte der Ersten Böhmischen Glasindustrie Aktien-Gesellschaft, Direktor: Julius Weiss, ab 1893: Erste Böhmische Glasindustrie AG): Unmittelbar an der Bahnstation gelegen, noch auf Horner Gemeindegebiet, erwirbt die Gemeinde Bleistadt einen entsprechenden Grund und stellt diesen einer belgischen Glasfabrik zur Errichtung eines Fertigungsunternehmens kostenlos (gegen ein Darlehen von 10.000 fl auf 20 Jahre, vl Gedenkbuch # 20) zur Verfügung. Ebenso wird die Fabrik von den Gemeindeumlagen über 15 bis 20 Jahre befreit. Gefertigt wird Fensterglas, Spiegelglas geblasen und gegossen, dazu Veredelungen wie Sandstrahlen, Ätzen, Schleifen. Bereits in der Anfangszeit der Glasfabrik besteht - nur wenige Jahre nach der massiven Abwanderung nach Delmenhorst  - bereits ein akuter Fachkräftemangel. Anlernkräfte können aus der näheren Umgebung rekrutiert werden. Fachkräfte hingegen müssen von anderen Gashütten herangeholt werden. Sie kommen schwerpunktmäßig von der Glashütte Unterreichenau, aus Österreich, der Pilsener Gegend, dem Bayerischen Wald und der Oberpfalz. Für die neu zugewanderten Familien werden in erster Linie Fabrikswohnungen in Unterbleistadt gebaut. Folgende neue Ortsteile entstehen:

 

- die Häuser der Direktion und der leitenden Angestellten westlich der 

  Zwodau von der Brücke an flußaufwärts, 

- die Horner Kolonie, wegen einiger tschechischer Familien auch "Böhmisches Viertel" genannt, 

- die Siedlung östlich der Eisenbahnlinie Richtung Annathal sowie 

- die Häuser "Am Sträßel" von der Brücke den Mühlgraben abwärts. 

 "Es ist verständlich, daß es zwischen Ober und Unterbleistadt durch diese starke Zuwanderung aus den verschiedensten Gebieten in der mundartlichen Sprechweise Unterschiede gab". So zieht sich mitten durch die Gemeinde eine Sprachgrenze; das nordbayerisch geprägte Oberbleistadt gegen die Mischmundart Unterbleistadts. um 1900 beschäftigt die Glasfabrik ca. 200 Arbeitskräfte.

1893, 15.9.: In Bleistadt eröffnet die Fachschule für Korbflechterei und Weidenkultur; sie beginnt mit 28 Schülern. Im gleichen Jahr wird die Kolonie der Louise-Glashütte in Unterbleistadt errichtet. Zum Zwecke der Ansiedlung industrieller Betriebe kauft die Gemeinde Bleistadt Flächen aus dem Katastergebiet der Gemeinde Horn an (Gedenkbuch Bleistadt # 12).

1895: Waren in den früheren Jahrhunderten die unehelichen Geburten eine Seltenheit - so wurden zur Ächtung dieser Geburten bei deren Taufe bis zu 50 Zeugen herbeigeholt - steigt die Zahl unehelicher Geburten im Laufe des 19. Jahrhunderts massiv an. Wie das Bleistädter Memorabilienbuch auf S. 75 für das Jahr 1895 meldet, wurden 70 Kinder geboren, davon 25 unehelich.

1897: "Wegen versuchten Mordes an seiner Ehegatin wurde Josef Kollwitz (aus Bleistadt) vor das Verschworenen-Gericht in Eger gestellt, von demselben jedoch freigesprochen und somit sofort aus der Haft entlassen". 

1897: Die Bleistädter Kirche wird zu Beginn des 19. Jahrhunderts nun zunehmend baufällig. Pfarrhaus, Kirchturm und Kirchendach weisen einen desolaten Zustand auf. "Die Pfarrkinder leisten Handlanger und Spanndienste, doch den Hauptanteil trägt das Montanärar. Der Vorschlag, ... auch die neu zur Pfarre Bleistadt gekommenen Pfarrkinder von Horn und Unterprünles mitzubelasten, muß damals keinen Erfolg gehabt haben, denn Pfarrer Sorgner betont in seinem Ansuchen ausdrücklich, 'daß auch die Bewohner von den zwey anher gepfarrten Dörfer Unterprünlaß und Horn zu der gesetzlichen Schuldigkeit mittelst Zug und Handroboth von der betreffenden höheren Stelle auch mit Zwangsmitteln mögen hierzu verhalten werden. Geschähe dies nicht, so wäre die Folge, daß auch die hierortigen Bürger sich weigern würden, sowohl in diesem Falle als auch in Hinkunft eine derlei Arbeit bei der Kirche und Pfarrey nicht mehr zu verrichten angehalten werden können". 

1900: Neben der Glasfabrik existieren in Bleistadt noch weitere Fabrikationen:

- Perlmuttknopffabrik der Gebrüder Gerstner,

- Musikinstrumenten- und Spielwarenerzeugung: Lazar Stern,

- Holzdrechslerei Josef Jahn,

- Hafnereien der Gebr. Ubl, 

- Darm -, Gewürz- und Landmaschinenhandel Gebr. Becker

1901, 23.6.: Grundsteinlegung der neuen Bleistädter Kirche.

1902, 29.9.: Die neue Bleistädter Kirche wird von Se. Eminenz Fürst Erzbischof Leo von Skrebensky feierlich konsekriert. (MB S. 97).

1903, 4.10.: Patriotische Feier der Volksschule Bleistadt: Zum "Allerhöchsten Namensfeste Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph I. versammelten  sich Lehrer und Schüler in dem beflaggten Schulhause und zogen um 9 Uhr zum Festgottesdienste in die Kirche. Nach Beendigung derselben wurde das deutsche Te Deum sodann die Volkshymne gesungen" (SB # 5). Am 19. November wird ebenfalls regelmäßig "das Namensfest der verewigten Kaiserin Elisabeth" gefeiert. Am 3. Mai findet die "Schiller-Feier" statt, wobei Gedichte Schillers vorgetragen werden, immer abgeschlossen mit der Volkshymne. Von 341 Schülern der Volksschule sind 97 Schüler vom Schulgeld befreit. 16 Schüler sind böhmisch, eine Schülerin französisch (SB #5). Unterrichtet wird in 4 Klassen, ab 1905 kommt eine 5. Klasse hinzu. Die Schüler sind überwiegend katholisch, 18 evangelisch, einer israelitisch (Stephan Kohn).

1905, 27.6.: Wegen einer Masernepidemie wird auf Anordnung des Bezirksarztes Dr. Fuchs die Schule in Bleistadt bis zum Schuljahresende  am 15. Juli gesperrt (SB # 11).

1909, Sept./Okt.: Einer Scharlachepidemie fallen 3 Kinder in Beistadt zum Opfer (SB # 31).

1910: Der Bezirk Falkenau - welchem auch die Bergstadt Bleistadt zugeordnet war -  umfasste 1910 eine Fläche von 499,21 km² und beherbergte eine Bevölkerung von 95.995 Personen. Von den Einwohnern hatten 1910  1361 Tschechisch und 93.011 Deutsch als Umgangssprache angegeben. Des Weiteren lebten im Bezirk 1623 Anderssprachige oder Staatsfremde.
Für Böhmen und Mähren galt 1910 folgende Relation (in Tausend):
       Tschechen    6.333   =   62,88 %
       Deutsche       3.490   =   34,65 %
       Polen                158    =     1,57 %
       Sonstige             90   =      0,89 %
       Gesamt       10.071

1911: Nach einem Eintrag im Gedenkbuch der Stadt Bleistadt ist der Schuhmacher Anton Vanek "der erste Zuwanderer slawischer Zunge, welcher in Bleistadt Grund- und Hausbesitzer wurde".

1914, August: Auf Antrag des Pfarrers Georg Marek wird auf dem Ascherberg bei Bleistadt eine Grottenkapelle errichtet. Das Gerippe besteht aus Eisenbeton, die Auskleidung innen und außen aus Schlacke vom Eisenwerk Rothau (GB # 35).

1914, 26.7.: Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo. Die Mobilmachung der österreichischen Armee erfolgte am 31. August. 

1914, 5.10.: Gemäß Erlaß vom Bezirksschulrat wird in den Schulen die Hälfte der Industrialunterrichts- stunden zur Anfertigung von Socken, Pulswärmern, Schneehauben etc. für die im Felde stehenden Soldaten benutzt. Die Schule in Bleistadt fertigt 46 Paar Pulswärmer, 23 Paar Socken, 4 Paar Kniewärmer (SB # 53). Ende November wird von den Schulkindern aus mitgebrachten Leinen- und Baumwollstoffen für die Soldaten Charpie (Wundverbandsmaterial aus Leinen oder Baumwolle) gezupft. Ebenso wurde in Gossengrün Wolle zu Pulswärmern, Charpie etc. verarbeitet (GG II # 21).

1915, 12.1.: Die Schulkinder fertigen 6080 "Einlagsohlen aus Zeitungspapier und 1136 Socken aus Billrothpapier als Kälteschutzmittel" (SB # 56). Im August werden die Kinder zu "patriotischen Kriegsmetallsammlungen" herangezogen (insges. 403,5 kg Buntmetall). Im April ordnet die Bezirksschuldirektion für jedes Kind einen monatlichen "Entsagungs- (oder Entbehrungs-) tag" an, wobei man die ersparten Beträge "auf den Altar der Menschenliebe lege". 

1915, März: Ausgabe von Brotmarken: Die Ausgabe von Brot ist auf 1 1/2 kg pro Kopf und Woche begrenzt (GB # 37). Die Bäcker in Bleistadt müssen ihr Brot mit Zeichen versehen: HL (Heinrich Leibelt), JH (Josef Hojer), JD (Josef Dörfler). Als Brotgetreide soll vermehrt (zu 50 %) Mais oder Kartoffelmehl verwendet werden (GG II # 22).

1915, März: Ausgabe von Brotmarken: Die Ausgabe von Brot ist auf 1 1/2 kg pro Kopf und Woche begrenzt (GB # 37). Die Bäcker in Bleistadt müssen ihr Brot mit Zeichen versehen: HL (Heinrich Leibelt), JH (Josef Hojer), JD (Josef Dörfler). Als Brotgetreide soll vermehrt (zu 50 %) Mais oder Kartoffelmehl verwendet werden (GG II # 22).

1915, Mai: Die allgemeine Landsturmpflicht wurde von 42 auf 50 Lebensjahre erweitert, deren Einberufung im Herbst erfolgt (GG II # 22).

1915, 8.5.-7.6.: Nachdem in Bleistadt eine "Feuchtblatternepidemie" ausgebrochen war, wurde die Schule  in dieser Zeit geschlossen.

1915, 16.9.: Mit Schulbeginn an der Volksschule Bleistadt gehörten von den 516 Kindern 504 der röm.-katholischen, 10 der evangelischen und 3 der mosaischen Religion an. "Schon vor Beginn des Schuljahres wurde mit dem Sammeln von Brombeer- und Erdbeerblättern für unsere braven Soldaten begonnen", die an die chem. Fabrik Adler in Oberlaa zur Herstellung von Tee-Ersatz verwendet wurden. Für weitere Aktionen fertigen die Kinder Kälteschutzmittel an, auch ein Woll- und Kautschuktag (29.9.) wird eingelegt. (SB # 59). Anstelle von Wolle werden im November 2-jährige Brennesseln gesammelt.Im November sammeln die Kinder Knochen als Ersatz für überseeischen Dünger.

1916: Für die Kinder der Volksschule Bleistadt wechseln Sammlungen für Kriegsanleihen, von Altmetallen, Brombeerblättern, Altpapier, Woll- und Kautschusammlung, Verkauf von Krawattennadeln, Kokarden und U-Boot-Abzeichen, Einrichtung von Kriegssparbüchern, Entbehrungstage etc. ab (SB # 62 f.)

1916, 25.7.: Eine Verordnung setzt für jede Woche 2 fleischlose Tage (Mittwoch und Freitag) auch in den Privathaushaltungen fest. Über die Einhaltung wachte die Gendarmerie durch Stichproben (GG II # 25).

1916, 15.9.: Einführung von Fettkarten. (GG II # 25).

1916, 21.9.: "Pro Kopf und Tag werden 300 g Kartoffel festgelegt. Das Reicht nicht einmal zur Sättigung für eine Mahlzeit. Und man hat nichts anderes zur Sättigung" Drei Tage später wird die Verbrauchsmenge auf 500 g festgelegt. Nach Ende der Kartoffelernte werden noch viele "Nachleser" bemerkt (GG II # 26).

1916, 20.10.: Verbot der Gräberbeleuchtung (GG II # 27

1917, 12.5.: Einführung der Zuckerkarten; im September: Einführung von Seifenkarten.

1917, 19.5.: Musterung für die bis zu 55-jährigen (GG II # 30).

1917: Die Schulkinder von Bleistadt werden angehalten, in den Ferien Pilze, Beeren und Brennholz zu sammeln. In der Schule fertigen sie sogen. Billrothpapier (wasserdichter Verbandsstoff/Batist nach Theodor Billroth).

1918, Juni bis Oktober: Hungersnot in der Herrschaft: Viele Menschen starben an Unterernährung, spanischer Grippe und Hungeryphus. "Die Kinder wurden allgemein zum Sammeln von Beeren, Pilzen und allen möglichen eßbaren Pflanzen verwendet" (Fenderl: Gedenkbuch Hartenberg, S. 26 f.). In den Jahren sind alleine in Bleistadt wegen der schlechten Ernährungslage 16 Menschen verhungert (GB # 42).

 1918, Juli: Für Industriebetriebe wird der Bezug von Industriekohle eingestellt, eine Katastrophe für die Glasfabrik in Bleistadt. Auf ein Bittgesuch des Gemeinderates an Kaiser Karl wird der Kohlebezug wieder erlaubt.

1918, 2.11.: Die Landesregierung ruft zur Bildung eines deutschböhmischen Volksheeres auf (GB # 41). Aus Bleistadt wird ein Zug von 45 Mann unter der Führung von Leutnant Franz Seidl gebildet.

1918, 14.12.: Ein Oberstleutnant ergreift im Namen der Regierung der Tschechoslowakischen Republik Besitz von Stadt und Kreis Falkenau. Volkswehren und alle bewaffneten Organisationen sind aufgelöst. (GB # 41).

1919, Mai: Der Bezirk Falkenau gibt Notgeld heraus. Über die "Amerikanische Kinderfürsorge" wird eine Versorgungsaktion für die Kinder wird in der Kantine der Glasfabrik gestartet.

1919: "An der Friedenskonferenz von St. Germain nahmen die tschechoslowakischen Delegierten als Vertreter einer Siegermacht teil. Sie verstanden es, den faktischen Vorsprung und das psychologische Plus einer bereits während des Krieges bewährten militärischen und demokratischen Bundesgenossenschaft bei den Alliierten auszuwerten. 

1919: Leo Ubl wird zum Bürgermeister von Bleistadt gewählt.

1920: Die von der ohne demokratische Wahl und allein von den Tschechen und wenigen Slowaken gebildeten 'Revolutionären Nationalversammlung' am 1920 beschlossene Staatsverfassung begann mit dem Begriff 'wir, die tschechoslowakische Nation. Sie folgt zwar grundsätzlich den westeuropäischen Vorbildern einer parlamentarischen Demokratie. Anders als in der Schweiz wird kein kantonales Selbstverwaltungssystem geschaffen; der Staat ist zentralistisch geordnet, so daß die Bürger in allen Angelegenheiten der Zentralregierung unterstehen. "Die Republik, welche unter dem Prätext eines Nationalstaates begründet worden war, stellt sich somit als typischer Nationalitätenstaat dar, der selbstverständlich alle Schwierigkeiten des alten Österreich-Ungarn wieder in sich birgt".

1920: Das Sprachengesetz beinhaltete "schikanöse Bedingungen für die von deutschen Beamten abzulegende tschechische Sprachprüfung. Zehntausende von Deutschen verloren daraufhin ihren Arbeitsplatz; die Folge war auch, daß in den deutschen Gebieten zunehmend tschechische Staatsbedienstete eingesetzt wurden. All diese Aktionen der tschechischen Staatsführung konnten als Schritte zu dem Ziel verstanden werden, die Staatsgrenze zur Volksgrenze werden zu lassen". So erhofft die tschechische Führung, daß die Minoritäten in der CSR durch Umstrukturierung der Bevölkerung in den einzelnen Landesteilen allmählich auch slawisiert würden, so daß aus dem Nationalitätenstaat doch noch ein Nationalstaat der Tschechen und Slowaken werden könnte. Deutsche Beamte werden nach abgelegter Sprachprüfung in das Landesinnere versetzt, während nun tschechische Beamte in die Sudetengebiete versetzt werden. Auch die Schulsprache ist tschechisch.

1920, 1.5.: In Horn wird die neu errichtete čechische Schule errichtet. Aus der Bleistädter Schule treten 30 Kinder - v. a. aus den Abeiterfamilien der Glasfabrik - in diese Schule ein (SB # 92)

1921, 15.2.: Die Volkszählung ergibt für Bleistadt:

Bevölkerungszahl 1.566; davon deutsch: 1.452; tschechisch: 85; polnisch: 21; jüdisch: 2 (1 deutsch, 1 tschechisch); rumänisch: 5, russisch: 1. 

1922: In Bleistadt wird eine Bürgererschule eröffnet und startet mit der ersten Klasse zu Beginn des Schuljahres 1922/23.

1922, Januar: Der Mangel an Kohle führt zu diversen Betriebsschließungen in Bleistadt. 

1923: Die Vermögensabgabe  der Gemeinde Bleistadt weist indirekt die reichsten Bürger aus (GB # 47):

1. Karla Stern, Witwe des Lazar Stern: 43.100 Kč

2. Josef Seidl 19.800 Kč

3. Friedrich Gerstner 19.700 Kč

4. Josef Ehm 19.000 Kč

5. Agnes Becker 16.300 Kč

6. Josef Gerstner 9.400 Kč

7. Dr. Richard Fuchs 7.700 Kč

8. Karl Klattenhof 7.600 Kč

1923, 20.7.: Die Stadtverwaltung Bleistadt wird von der Bezirkshauptmannschaft Falkenau beauftragt, aufgrund des Gesetzes zum Schutze der Republik des an der Turmspitze der Schule befindlichen Doppeladler abnehmen zu lassen. Erst nach Androhung schwerer Strafen ordnete der Bürgermeister (Leo Ubl) die Entfernung an (GB # 48). 

1926: Die Glasfabrik Bleistadt beschäftigt 1055 Personen, überwiegend as Bleistadt und der näheren Umgebung.

1927, 16.10.: Die Gemeindewahlen in Bleistadt brachten folgendes Ergebnis (bei 852 Gesamtstimmen):

- Alldeutsche Volkspartei 304 Stimmen 35,7 %

- Kommunistische Partei 217 Stimmen 25,5 %

- Deutsch-National Bürgerpartei 148 Stimmen 17,4 %

- Deutsch-Sozialdemokr. Arbeiterpartei   93 Stimmen 10,9 %

- Deutsch-Freisoziale Partei   55 Stimmen   6,4 % 

- Československých volícu   35 Stimmen   4,1 %

1929, 7.3.: Auf Ersuchen der Bezirksbehörde Falkenau anläßlich des 80. Geburtsaes des Herrn Präsidenten (Masaryk) um Veranstaltung loyaler Kundgebungen beschließt der Stadtrat von Bleistadt, die Fahne am Rathaus zu hissen. 

1929, 6./7.7.: Wiedersehensfest der ehemaligen egerländer Regimenter in Bleistadt. Die Feldmesse am Marktplatz sollte durch einen Aufmarsch der Kommunisten gestört werden. "Die Störung wurde jedoch durch das rechtzeitige Eingreifen der ... Gendarmerie verhindert, wobei einer der Kommunistenführer verhaftet wurde". "Am 1. September fand ein Aufzug der Kommunisten statt, die Gendarmerie verhinderte jedoch die Abhaltung einer Rede". (GB # 75).

1930, 10.1.: Nachdem die Glasfabrik in Folge der Wirtschaftskrise in Bleistadt die Entlassung von 635 Mitarbeitern plant, kommt es zu einer Protestversammlung - zum Schluß wurde die "Internationale" gesungen - mit anschließendem Streik. Die Feuer der Glasöfen wurden gelöscht, was wegen der langen Anheizzeit mit Sicherheit einen mehrwöchigen Produktionsstillstand zur Folge hat. Am 12.1. gibt die Fabrik die Entlassung sämtlicher Arbeiter bekannt. Eine Versammlung der Kommunisten im Freien (bei der Grotte) wird durch die Gendarmerie aufgelöst (53 % der Arbeiter sind bei den Kommunisten organisiert). Eine Organisation "Rote Hilfe" aus Falkenau verteilt Brot an die Familien der Arbeitslosen. Über die örtliche Kinderspeisung erhält jedes Kind aus Arbeitslosenfamilien pro Tag 1/4 Liter Milch und eine Semmel. Durch die folgende Arbeitslosigkeit kommt es vermehrt zu "Anschreibekäufen". Eine zeitlich begrenzte Linderung der Arbeitslosigkeit bringt der Bau der Wasserleitung (1931 abgeschlossen).

1930, 20.1. beenden 305 Arbeiter den Streik (GB # 87). Im März 1931 ist nur eine Glaswanne (von insgesamt vier) in Betrieb, bei einer Belegschaft von 560 Arbeitern.

1930, 15.11. erscheint die erste Ausgabe des Wochenblattes "Bleistädter Nachrichten" für Bleistadt und Umgebung (GB # 84).

1931, 27.9.: Die Gemeindewahlen in Bleistadt brachten folgendes Ergebnis (bei 935 Gesamtstimmen):

- Deutsche Wahlgemeinschaft*                 323 Stimmen 34,5 %

- Unpolitische Wählergruppe         199 Stimmen         21,3 % 

- Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei 171 Stimmen         18,3 %

- Deutsche Sozialdemokrat. Arbeiterpartei 108 Stimmen         11,6 % 

- Kommunistische Partei                 106 Stimmen 11,3 %

- Česke volebni skupíny             28 Stimmen           3,0 %

* bestehend aus der Alldeutschen Volkspartei, der Deutschen Freisozialen Partei und der Nationalpartei.

Erster Bürgermeister: Leo Ubl (wiedergewählt)

1933, 19.10.: Die Landesbehörde in Prag erkennt die Wahl Leo Ubls als I. Bürgermeister von Bleistadt nicht an und er muß vorübergehend aus dem Amt ausscheiden. Vorausgegangen sind vorgeblich Differenzen mit der Baufirma Rumpl in Teplitz-Schönau über eine Kostenabrechnung im Zusammenhang mit dem Bau der Wasserversorgung. Mit Bescheid vom 27.1.1934. nimmt die Landesbehörde auf Beschwerde der Stadträte die Entscheidung zurück. 

1933: Die kommunistische Gemeinderatsfraktion von Bleistadt tritt geschlossen der sozialdemokratischen Partei bei. Die Gemeindefraktion der alldeutschen Volkspartei erklärt ihren geschlossenen Austritt aus dieser Partei und ihren Übertritt zur unpolitischen Wählergruppe. Damit ist der linken Blockbildung entgegengewirkt.

1933, 31.12.: In Bleistadt sind zum Jahresschluß sind 127 Arbeitslose und 27 Kurzarbeiter gemeldet.

1934, 6.1.: Gem. Erlaß der Bezirksbehörde Falkenau verlieren die der Deutschen Nationalpartei und der  Deutschen Nationalsozialistischen Partei angehörigen Gemeinderatsmitglieder ihre Ämter.

1935: Die Situation des Sudetenlandes im Jahre 1938 schildert Golo Mann (Dt. Geschichte S. 278): "Der alte, aus dem Habsburger Reich ererbte Sport der Tschechen und Deutschen, einander nicht zu mögen, wurde in der Tschechoslowakei herzhaft fortgesetzt. Jedoch lag der Vorteil seit 1918 bei den Tschechen. Sie waren das Staatsvolk, waren in der Mehrheit; und wo sie die Deutschen, ohne geradezu das Recht zu brechen, ein wenig schädigen konnten, da taten sie es. Das rächte sich nun. Ein großer Teil der 'Sudetendeutschen' lief einem Führer [Henlein] nach, der, ursprünglich auf eigene Faust handelnd, rasch zum Werkzeug Hitlers und der Reichspolitik herabsank. Was seine Anhänger eigentlich wollte, ist nicht zu sagen, weil man sie nie danach gefragt hat. Man darf aber die Willensklarheit des Bürgers in einer solchen Krise nicht überschätzen; schließlich will er das, was eine lautstarke Führung ihm zu wollen vorgibt".

1935, 26.5.: Die Wahlen zur Landesvertretung brachten für Bleistadt bei 931 gültigen Stimmen unter anderem folgendes Ergebnis (GB # 146):

- Henlein         786 Stimmen 84,4 %

- Sozialdemokraten   50 Stimmen           5,4 %

- Tschechen           27 Stimmen           2,9 %

- Kommunisten           26 Stimmen           2,8 %

- Christsoziale           14 Stimmen           1,5 %

1935, 14.6.: Der Erzbischof Primas von Prag, Dr. Karl Kašpar besucht anläßlich einer Firmung Bleistadt.

1935, 20.11.: Der Pfarrer von Bleistadt, August Tomiczek verstirbt im Krankenhaus in Falkenau wegen Nierensteinen. Der allseits beliebte Geistliche erhält von der Stadt Bleistadt ein Ehrengrab "auf ewige Zeiten". Als Administrator der Pfarrei wird Kaplan Franz Ruschka von Gossengrün eingesetzt.

1935: Die Wirtschaftskrise hält an. Verzeichnete die Glasfabrik Bleistadt im Jahre 1929 noch 1.223 Arbeiter, so waren es Ende 1935 nur noch 535 Arbeiter im Jahresdurchschnitt.

1935, 18.12.: Nach dem Rücktritt von Präsident Th. G. Masaryk wird Dr. Eduard Benesch zum Staatspräsidenten gewählt. "Das Ergebnis der Wahl wurde von dem überwiegenden Teil der Bevölkerung mit großer Freude begrüßt" (GB # 171).

1936, 3.2.: Der neue Pfarrer in Bleistadt, Dr. Franz Zichraser tritt sein Amt an.

1936: Die Bevölkerung wird auf militärische Krisen durch Luftschutzaufklärung und Unterweisungen im Gebrauch von Gasmasken vorbereitet (GB # 158). Am 15.12. wird eine Luftschutzübung, verbunden mit einer Totalverdunkelung der Stadt durchgeführt.

1938, 20.2.: Hitlers Reichstagsrede vom 20.2.1938 machte seine Entschlossenheit zum Handeln deutlich: "Das Reich werde 10 Millionen Deutschen, die durch den Versailler 'Wahnsinnsakt' an einer Vereinigung mit Deutschland gehindert worden seien, in ihrem Recht auf Selbstbestimmung schützen". 

Auf Hitlers Rede hin "strömten jung und alt auf die Straßen Bleistadts ... und in kurzer Zeit hatte sich ein Zug in die Wasserstadt und wieder in den oberen Stadtteil zurück ... gebildet. Die tschechische Gendarmerie hatte keinen Grund zum Einschreiten" (GB # 192).

1938, 1.5.: "Inzwischen haben sich die sudetendeutschen bürgerlichen Parteien aufgelöst und gliedern sich in die SdP ein, lediglich die Sozialdemokraten unter ihren Vorsitzenden Wenzel Jaksch bleiben der SdP fern. Nach Aufruf des Vorsitzenden der SdP, Konrad Henlein, zum Protestmarsch nach Falkenau beteiligen sich auch 800 Personen (Frauen und Mädchen im Einheitskleid - gelbbraunes Dirndlkleid) aus Bleistadt an der Kundgebung (GB # 192).

1938 Im Spätsommer erreicht die Sudetendeutsche Partei bei den Gemeindewahlen einen Stimmenanteil bei den Sudetendeutschen von 92,5%. "Unterdessen setzen Henlein und seine Partei die planlosen Verhandlungen mit der tschechischen Regierung fort, stets bemüht, neue Einwände gegen die von den Tschechen fortlaufend gemachten Angebote einer größeren Autonomie für die sudetendeutschen Gebiete zu finden. Zugleich befleißigt sie sich, die Gefühle der Grenzbevölkerung gegen die Tschechen auf dem Grad des Siedens zu erhalten: Ende Sommer erreicht die Spannung zwischen der sudetendeutschen Bevölkerung und den tschechischen Beamten nahezu den Zerreißpunkt".

1938, 9.9.: In Hitlers Reichsparteitagsrede vom 9. September, in welcher er mit wüsten Beschimpfungen über Benesch herzieht und auch den Anlaß für einen Aufstand im Sudetenland bildet. "In Eger und Karlsbad kam es zu widerlichen Szenen, wobei mehrere Menschen getötet wurden". Die Tschechen riefen daraufhin das Standrecht aus und waren am 15. wieder Herr der Lage. " In der Wasserstadt, am Pichlberg und in Neuhäuser lag tschechisches Militär. Die tschechische Gendarmerie wurde im Orte verstärkt. In normaler Zeit war der Posten mit 2 bis 3 Mann besetzt. Jetzt brachte er es auf bis zu 32 Mann. Nächtlicherweise wurde viel Munition in das Postengebäude Haus Nr. 24 gebracht. Im Fenster im 1. Stockwerke befand sich ein Maschinengewehr. Zu allen Tages- und Nachtstunden fuhr in Lastkraftwagen und Panzerwagen tschechisches Militär durch den Ort. Nachdem über den Bezirk Falkenau das Standrecht verhängt wurde, ist auch Bleistadt davon betroffen. Nach 7 Uhr abends durfte niemand mehr auf der Straße sein" (GB # 192). In diesen Tagen kam ein Gendarm aus Gossengrün,der schwer verwundet war. "Der Unterkiefer war ihm zerschmettert. Jetzt gingen die Verhaftungen an ... Es kam die tschechische Mobilmachung. Auf den Aufruf Konrad Henleins hin ging die Flucht über die Grenze nach Deutschland los. Meist wehrfähige Männer, aber auch Frauen und Kinder verließen Bleistadt ... in den Nächten fuhren Panzerwagen durch den Ort. Die Soldateska gab Schüsse ab."

1938, 29.9.: Konferenz in München: Hitler trifft die Regierungschefs von Italien, England und Frankreich. Man kommt überein, die Forderungen Hitlers weitgehend zu erfüllen und erhält dafür eine Landkarte mit der neuen in Bleistift eingetragenen Grenzziehung zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechei. Die Tschechen wurden hierbei nicht gefragt. "Diese falschen Sieger von 1918 mußten nun ein Diktat hinnehmen, das die Härten des Versailler Vertrages in den Schatten stellt. Nicht einmal die Sudetendeutschen wurden gefragt, obgleich der Vertrag in den umstrittenen Gebieten Volksabstimmungen versprach" (Mann, Golo: Deutsche Geschichte, S. 881). Präsident Benesch muß ins Exil gehen, die beiden Diktatoren [Mussolini und Hitler] überlassen den Engländern und Franzosen die unangenehme Aufgabe, den Tschechen die Bedingungen für die Aufteilung ihres Landes mitzuteilen. Hitler sind die Anliegen der Sudetendeutschen ziemlich gleichgültig. Er benutzte sie nur als Mittel, die Tschechei zu zerschmettern. Viele Sudetendeutsche, die jahrelang arbeitslos gewesen waren, erhalten in kurzer Zeit Beschäftigung. Gleichzeitig verlassen seit 1919 zugewanderte Tschechen mehr oder minder freiwillig (sie verlieren vor allem Arbeitsplätze in Behörden) und mehrere zehntausend Juden und Sozialdemokraten aus berechtigter Sorge um Leib und Leben das Territorium. 

1938, 4.10.: Um 15 Uhr 45 marschierte in Bleistadt die Nebel-, Lehr- und Versuchsabteilung, ein Verband der 1. Panzer-Division ein "auf herzlichste und begeistert begrüßt von der urdeutschen Bevölkerung ... Wie wir im Reiche die Schreckens-Wochen des tschechischen Terrors aufs tiefste mit empfunden hatten, erleben wir jetzt die innige Freude der Befreiung mit ...", wie der Kommandeur dieser Abteilung ins Gedenkbuch von Bleistadt schreibt (GB # 190). Bürgermeister von Bleistadt ist nun Hugo Bartl von der Sudetendeutschen Partei.

1939, 15.3.: Hatte Hitler am 26. September 1938 noch erklärt, daß die Abtretung des Sudetenlandes seine letzte Forderung gewesen sei, im Münchener Abkommen gemeinsam mit den übrigen Signatarstaaten den staatlichen Bestand der Tschechei garantiert, so leitet er nur drei Wochen später die Planung der militärischen Erledigung der Rest-Tschechei ein. Die Nachfolge Beneschs im Amt des tschechoslowakischen Staatspräsidenten tritt der Jurist Emil Hácha, an. Ministerpräsident wird Rudolf Beran, der der Reichsregierung die loyale Erfüllung des Münchener Abkommens zusichert und bietet dem Deutschen Reich am 23.1.1939 sogar die praktische Beherrschung an (Zollunion und einen deutschen Hohen Kommissar in der Prager Regierung). Hitler lehnte dieses Angebot mit dem Hinweis auf die deutschfeindliche Haltung der tschechischen Bevölkerung, die von Juden, Bolschewisten und Beneschisten beherrscht sei, ab". Die Sudetendeutsche Partei wird aufgelöst, Ihre Mitglieder treten überwiegend des NSDAP bei. 

1939, 14.3.: Der tschechische Staatspräsident Hacha reist nach Berlin. "Am 15. März in der Nacht von etwa 1.00 Uhr bis 4.00 Uhr fanden in der Reichskanzlei die Gespräche zwischen Hitler und Hácha statt. Auf Hachas Einwand, ob tatsächlich eine Besetzung der Tschechei nötig sei, um die tschechische Armee zu entwaffnen, man könnte dies doch auch auf andere Weise machen, entgegnet Hitler, daß sein Entschluß unwiderruflich sei. Man wisse ja was ein Entschluß des Führers bedeute ... Mit der Drohung, Prag durch die Luftwaffe dem Erdboden gleichmachen zu lassen, platzt Göring in die Verhandlungen, worauf der greise Staatspräsident in Ohnmacht fällt. Schließlich erpreßt Hitler Háchas Zustimmung nach dessen telefonischer Rückversicherung in Prag, gegen den Einmarsch der deutschen Truppen keinen Widerstand leisten zu wollen. Um 6.00 begann der Einmarsch deutscher Truppen nach Böhmen und Mähren. Im Abkommen, das Hacha letztlich unterzeichnete, wird kundgetan, daß Hacha als Ergebnis der Verhandlungen das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers [gelegt habe] ... Es kam kein Wort von Drohung oder Invasion darin vor. Die Legalität war gewahrt worden. Als der englische und französische Botschafter [im Außenministerium in Berlin] vorsprachen, um pflichtgemäß zu protestieren, hielt man für sie das Argument bereit, daß der Führer lediglich der Bitte des tschechischen Präsidenten Folge geleistet habe". Nach dem Kriege kommt Hacha im Rahmen der antifaschistischen Kampagne der neu installierten tschechoslowakischen Justiz ins Gefängnis, wo er im Juni 1945 verstirbt. 

1939, 1.9.: Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen und den dadurch veranlaßten Kriegserklärungen Frankreichs und Großbritanniens beginnt der II. Weltkrieg. Während der Kriegszeit ist die Situation für die Bevölkerung in der Heimat nicht so sehr mit Entbehrungen verbunden wie während des I. Weltkrieges. Nahrungsmittel sind zwar rationiert, das Markensystem ist wieder eingeführt, aber sie sind wegen der Zulieferungen aus den besetzten Gebieten und des Einsatzes von Kriegsgefangenen auch in der Reichs-Landwirtschaft nicht ausgesprochen knapp. Schlimmer ist die Lage für die wehrfähige männliche Bevölkerung, die - abgesehen von einigen Beschäftigten in wehrwichtigen Betrieben oder im öffentlichen Dienst - fast ausnahmslos als Soldaten im Fronteinsatz steht. 

1940, 27./28.10.: Erster Luftangriff über Horn, Falkenau, Gossengrün (GB # 198)

1941 Das Sudetengebiet wird verwaltungsmäßig neu gegliedert; insbesondere wird der Regierungsbezirk Eger eingerichtet, wobei großenteils die alten Landkreisgrenzen erhalten bleiben. In Bleistadt ist Josef Schönecker Bürgermeister.

1941: 22.7.: Erster Gefallener aus Bleistadt ist der Obergefreite Willi Ullsperger aus Bl. # 128, gefallen in Bessarabien (GB # 208).

1943 August: Wegen Personalmangels beschäftigt die Glasfabrik 50 russische Kriegsgefangene und 53 französische Zivilarbeiter (GB # 210).

1944, 28.10.: Dem Aufruf zum Volkssturm, der alle männlichen Bewohner im Alter von 16 bis 60 Jahren betraf, folgten in Bleistadt 350 Mann.

1944 weist Bleistadt eine Bevölkerungszahl von 1.816 Menschen auf, davon 115 Personen aus bombengefährdeten Gebieten. Die Glasfabrik beschäftigt 600 deutsche Arbeitnehmer, 73 sowjetische Kriegsgefangene und 44 französische Zivilarbeiter (GB # 216). Bis Ende 1944 beklagt Bleistadt 53 Kriegsgefallene.

1945, 16.2.: In Bleistadt treffen 471 Flüchtlinge aus Niederschlesien (Breslauer Gegend) ein, die an die einzelnen Häuser im Ort verteilt werden.

1945, März: In der Winterleiten in Bleistadt werden vom Volkssturm Panzersperren errichtet (GB # 218).

1945, 15.4.: Tieffliegerangriffe auf Bleistadt; einige Häuser v. a. in der Ziegengasse wurden getroffen und in Brand gesetzt (GB # 218).

1945, 17.4.: Ein Sprengkommando legt Sprengladungen an den bleistädter Brücken an.

1945, 18.4.: Ein Zug mit 23 Waggons mit Verbrauchsgütern aller Art, die für die Wehrmacht bestimmt sind, steht am Bahnhof in Bleistadt und kann wegen Mangels an Lokomotiven nicht weiterfahren. Bürgermeister Schönecker versucht, einen Teil der Ladung für die Bevölkerung zu requirieren, was von der Wehrmacht untersagt wird. Erst in der Nacht verteilt die Wachmannschaft einen Teil der Ladung an die Bevölkerung (GB # 218). Am gleichen Tage begibt sich ein großer Teil der Bevölkerung Bleistadts zu Fuß (kein Zugverkehr ist mehr möglich) auf den Weg nach Graslitz, nachdem bekannt wurde, daß dort eine größere Zuteilung an Lebensmitteln ausgegeben wird.

1945, ab April: Die 3. US-Armee besetzt das Egerland vom Erzgebirge bis in den Raum um Karlsbad, während sich die russischen Vorstöße Richtung Berlin und Wien konzentrieren. Der Zusammenbruch der deutschen Ostfront führt auch dazu, daß Flüchtlinge aus den Ostgebieten des ehemaligen deutschen Siedlungsraumes (Polen, Rumänien, Ungarn) zusammen mit versprengten Truppenteilen auch in das Sudetenland strömen. Nach der Kapitulation Berlins (2.5.) kommt es am 5. Mai in Prag zu einem Aufstand gegen die deutsche Besatzung, wobei es nun erstmals zu Exzessen auch gegen deutsche Zivilpersonen kommt. 

9.5.1945: Nach der deutschen Kapitulation wird das gesamte Sudetenland von amerikanischen und sowjetischen Truppen besetzt. Aufgrund einer Vereinbarung der tschechoslowakischen Exilregierung mit der Sowjetunion besetzen Truppen der Roten Armee das Gebiet der einstigen Tschechoslowakei. Mit diesen russischen Truppen kommen auch die Politkommissare, die von Osten her in den Orts- und Bezirksverwaltungen aktiv werden. Benesch wird zum Präsidenten der Tschechoslowakei ernannt. Verfassung und Gesetze werden nicht in Form demokratischer Willensbildung, sondern über Präsidialdekrete erlassen. Nun häufen sich die Auflagen und Schikanen, denen die Sudetendeutschen nun ausgesetzt sind. Sie müssen ein weißes Kenzeichen am Arm mit dem Buchstaben "N" (Nemec = Deutscher) tragen, dürfen bestimmte Berufe nicht mehr ausüben, keine Elektrogeräte, vor allem keine Radiogeräte mehr besitzen, nachts sich nicht mehr auf öffentlichen Straßen aufhalten. Die tschechische Regierung stellt Gewalttaten von Einzelpersonen an staatlich unzuverlässigen Personen (Deutschen, Ungarn und tschechischen Kollaborateuren) per Gesetz vom 8.5.1946 rückwirkend straffrei: "Eine Handlung, die in der Zeit vom 30.9.1938 bis zum 28.10.1945 vorgenommen wurde und deren Zweck es war, einen Beitrag zum Kampf um die Wiedergewinnung der Freiheit der Tschechen und Slowaken zu leisten, oder die eine gerechte Vergeltung für Taten der Okkupanten oder ihrer Helfershelfer zum Ziel hatte, ist auch dann nicht widerrechtlich, wenn sie sonst nach den geltenden Vorschriften strafbar gewesen wäre". Es war dies die große Zeit krimineller Elemente, die ohne Furcht vor rechtlicher Verfolgung den niederen Trieben ihren Lauf lassen konnten. Diese gesetzlich sanktionierte Straffreiheit ist nach wie vor geltendes Recht in Tschechien.

1945, 17.7.-2.8.: Bei der Potsdamer Konferenz wurde von den drei Siegermächten der Transfer der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland zurückgeführt werden muß. "Der Transfer der Anfang 1945 im Sudetenland anwesenden Bevölkerung (die aus der Gefangenschaft zurückkehrenden sudetendeutschen Wehrmachtsangehörigen ließen sich meistens bereits nach den Westzonen Deutschlands entlassen) vollzog sich in fünf relativ deutlich abgrenzbaren Phasen: Im Sommer 1945 kommt es bereits zu wilden Vertreibungen. Zwischen Mai und November 1945 finden Massenaustreibungen aus gewissen Sprachinseln und Randgebieten durch tschechoslowakische Verwaltungsbeamte und die Revolutionsgarde (paramilitärische Organisation) bei gleichzeitigem Massenterror statt.

1946, 19.1.: Nun geht man nun die Vertreibung mit Zustimmung der Alliierten systematisch an. Blockweise wird die Bevölkerung der einzelnen Ortschaften abtransportiert. Bis zum 27.11.1946 verlassen insgesamt mehr als tausend Eisenbahntransporte mit durchschnittlich jeweils 1200 Sudetendeutschen ihre Heimatgebiete. Hier liegt der eigentliche Kern des Vertreibungsvorganges. Für die Besiedlung durch Tschechen lassen sich folgende Phasen unterscheiden: 

- "Goldgräberzeit" unmittelbar nach Kriegsende kommen Leute aus allen Teilen der Tschechoslowakei in die Sudetengebiete, um das Land unter dem Vorwand einer "gerechten Vergeltung" auszuplündern. Sie verschwinden aber meist nach getaner Tat. 

- Nach der Übernahme der Regierung durch die Kommunisten werden linientreue Tschechen durch massive Förderung angeworben. Beschäftigung finden sie in Kolchosenbetrieben und bei staatlichen Behörden. 

- Anwerbung von Arbeitslosen aus dem inneren Gebiet Tschechiens: Gerade Industrie und Landwirtschaft stehen praktisch vor dem Nichts. Landwirte finden sich mit den relativ ertragsarmen Böden, die hohe Arbeitsintensivität erfordern, nicht zurecht und verlassen vielfach wieder das Land. Viele, vor allem kleinere Orte sind nun praktisch menschenleer. Sie werden in den folgenden Jahren eingeebnet, so daß später nur ansatzweise die Lage der früheren Ortschaft zu erkennen ist. 



 

 

 

 

Verwendete Quellen: 

 


 


Archivalien:

- Gedenkbuch von Bleistadt (kurz: GB) "Kronika města", geführt ab 1901 vom Stadtsekretär Otto, ab 1923 vom Lehrer Voit 

- Gemeindechronik von Gossengrün 1931 - 1947 in 2 Büchern (kurz: GG), geführt von Bürgerschuldirektor Josef Christl.

- Kirchenbücher von Bleistadt, Gossengrün, Maria Kulm, teils unter "porta fontium", soweit nicht im Internet einsehbar als Film/Buch in den Archivräumen des Archivs Pilsen.

- Memorabilienbuch von Bleistadt unter "porta fontium", geführt ab 1837 (kurz: MB).

- Schulbuch der Volksschule Bleistadt, geführt von 1903 - 1931 (kurz: SB)



 

Literatur (im Text als Kurzreferenz angegeben): 

Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung Heft 132: Deutsche und Tschechen, Neudr. 1993.

Bosl Karl: Böhmische Länder, (1967, 1974)

Eißner Lois: Bleistadt, einst königlich freie Bergstadt, 1523 - 1973. Schwandorf 1973.

Emler J. (Hrsg): Regesta diplomatica necnon epistolaria II, Prag 1853.

Franzel Emil: Sudetendeutsche Geschichte. Mannheim 1958.

Fröbe Walter: Ein Jahrtausend erzgebirgischer Geschichte, Schwarzenberg, 1933

Honesch Jörg K.: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis ins 20. Jahrhundert. München 1987.

Mann Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt 1958.

Sommer Johann Gottfried: Das Königreich Böhmen, statistisch-topographisch dargestellt. 15. Band: Elbogenerer Kreis, Prag 1847.

Sternberg Graf Kaspar: Umrisse einer Geschichte der böhmischen Bergwerke, 1. Band, Prag 1836.

Sturm Heribert, Nordgau - Egerland - Oberpfalz., 1984 

Theisinger Hugo: Falkenau Stadt und Land. Buchloe 1983.

Zartner W. R.: Der Bleibergbau im westlichsten böhmischen Erzgebirge, Bleistadt.



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