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Humoristisches aus dem alten Bleistadt

Im Zuge meiner Forschungen in den zum Teil bis weit ins 16. Jahrhundert zurückreichenden Matriken und Urkundenbüchern von Bleistadt traf ich auf einige Einträge im sogenannten Memorabilienbuch aus dem Archiv des Bezirks Sokolov, die uns ein Bild von Ereignissen in dieser kleinen Stadt aus der Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert, der Zeit des Neubaues von Kirche und Pfarrhaus, liefern. In diesem seit 1836 vom jeweiligen Pfarrer geführten Buche sollten nach Anweisung des k. k. böhm. Landespräsidiums in Prag "im Allgemeinen Vorfälle und Handlungen, welche den Bestand und die Eigenthümlichkeit der Gemeinde zeigen, ein Bild der Sitten, Gebräuchnisse und Zeitverhältnisse überhaupt darstellen" (S. 1 f.). So erfahren wir von Episoden im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen des Pfarrers mit der "hochlöblichen" Stadtverwaltung, die uns die Ereignisse zum Teil auch in unfreiwillig-humorgeladenen Geschichtchen aufzeigt.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts entspann sich im Bleistädter Stadtrat eine lebhafte und zeitweise  "bis ans Messer gehende" Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppierungen, der Gerstner-Partei auf der einen Seite sowie der Seidl-Fraktion mit dem langjährigen Bürgermeister Josef Seidl andererseits, wobei sich auch der Pfarrer massiv in die Streitigkeiten einmischt. So berichtet Pfarrer Alois Kasparek im Zusammenhang mit einer Stadtvertretungswahl: "Was die Namen der zwei Ortsparteien, die sich zu Unser und gewiß nicht zum Nutzen der Gemeinde so feindselig gegenüber stehend anbelangt, so heißt die Gerstner'sche Partei nach den drei Brüdern Gerstner, welche den Spitzenhandel und Knopffabrication betreiben und ziemlich gut situierte Bürger sind. Die Seidl-Partei nennt sich so nach dem jetzigen Bürgermeister, dem Kaufmann Seidl. Ihr Namengeber ist hier aber eine ziemlich untergeordnete Persönlichkeit. Die treibende Kraft ist der Stadtschreiber namens Otto". (S. 67)


Diese letzte Anmerkung bezieht sich auf eine Meldung seines Vorgängers, Pfarrer Adalbert Rücker. So schreibt er kurz vor seinem Abschied aus Bleistadt: "Die Bürgerstreitigkeiten dauern in gleicher Schärfe fort. Die Seidl-Parthei zeichnet sich aus durch ihre feindselige Stellung zu Kirche und Religion". Auf eine Anzeige hin wurde am 2.9.1891 "der hiesige Stadtsekretär Franz Otto wegen Verbrechens der Religionsstörung (besonders Roheiten über die hl. Mutter Gottes, Verspottung religiöser Einrichtungen und Gebräuche) zu 6 Wochen schweren Kerker, verschärft mit 2 Fasttagen" vom Kreisgericht Eger verurteilt. (S. 55 ff.). Franz Otto legte gegen das Urteil erfolgreich Berufung ein. Aber Gedächtnis der Kirche währt lange. Als Franz Otto am 31. Januar 1910 starb schrieb der damalige Pfarrer Georg Marek: "Der hier lebende ehemalige Stadtsekretär in Pension Franz Otto ... war lange Zeit krank. Die hl. Sakramente empfing er nicht! Er soll ein Gotteslästerer gewesen sein. Wie gelebt, so gestorben!!". Das Gedenkbuch von Bleistadt (S. 56) meldet hingegen: "Sekretär Franz Otto ist am 31.1.1910 gestorben. Der Bürgermeister ... weist auf die unerschütterliche prinzipielle Festigkeit und die unentwegte Pflichttreue des Verblichenen auf sein nur auf das allgemeine wohl der Stadt und ihrer Bewohner gerichteten uneigennützigen und selbstlosen Bestrebungen hin".


Pfarrer Kasparek wirkte viele Jahre als Militärseelsorger und Gymnasiallehrer am Flottenstützpunkt Pula, danach als Professor an der Marine-Akademie in Fiume, bevor er die Pfarrei Bleistadt übernahm. An militärisch-autoritäre Führungsstrukturen gewöhnt, eckte er ständig mit der Stadtverwaltung an, was letztlich zu einem zerrütteten Verhältnis auch zwischen Pfarrei und Stadtverwaltung führen sollte. 


Für das Jahr 1895 standen Neuwahlen zum Bleistädter Bürgermeisteramt und zum dortigen Stadtrat an. Nach den Wahlbestimmungen mußte zunächst ein sogenannter Gemeindewahlausschuß gebildet werden, der u. a. aus der Reihe der Grundbesitzer und kirchlicher Institutionen zu bilden war und dann die Amtsträger zu wählen hatte. Wie die Liste der Kandidaten zustand kam, schildert Pfarrer Kasparek (S. 37 f): "Im Monate Mai 1894 lief die dreijährige Funktionsperiode des Gemeindeausschusses von Bleistadt ab. Während dieser Funktionsperiode befand sich die so gen. Seidl-Partei ausschließlich am Ruder, so daß von der anderen Ortspartei der so gen. Gerstner-Partei, kein einziges Mitglied in der Gemeindevertretung sich befand. Die beati possidentes hatten auch für die Zukunft keine Lust, die innegehabten Plätze in der Ratsstube zu räumen. Darum wurde die Wahlliste ganz einseitig, zu ungunsten der Gegner verfaßt. Auch die wegen ihrer Steuerzahlung für Grundstücke wahlberechtigte Pfarre und Kirche wurden in die Wahlliste nicht eingestellt". 


Eine Reklamation des Pfarrers bei der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Falkenau hatte wegen eines Formfehlers und Fristüberschreitung keinen Erfolg, ebenso waren die meisten Einsprüche vor allem der Gerstner-Partei in der folgenden Zeit wirkungslos. Der Pfarrer berichtete weiter: "Mittlerweile entfaltete namentlich die Seidl-Partei eine staunenswerte Thätigkeit zur Gewinnung und Sicherung von Stimmen für ihren Vortheil, auch der Pfarrer wäre durch eine eigene Deputation eingegangen, sich wenigstens der Abstimmung zu enthalten. Obwohl derselbe sich sonst stets bemüht, außer den Parteien zu stehen, nicht ein einseitiger Parteimann in seiner Gemeinde, so glaubte er doch in diesem Falle gerechter zu handeln, wenn er mit seiner Stimme zu Gunsten der Gerstner'schen Seite eingreife. Die Seidl-Partei siegte jedoch im ersten Wahlkörper um 1 Stimme mit Hilfe der Stimme eines Ehrenbürgers, des Finanzministers Dr. Plener [Ernst v. Plener, deutschliberaler Politiker, gebürtig in Eger] und durch das Mittel der Zurückweisung einer Stimmenvollmacht aus einem kleinlichen Grunde, dessen Berechtigung oder Nichtberechtigung ein gegen diese Zurückweisung eingebrachter Recurs bei der k. k. Statthalterschaft zeigen wird". Die Einsprüche der Gerstner-Partei wurden von der hierfür zuständigen Statthalterei abschlägig beschieden, so daß die Wahl der Bürgermeister und der Stadträte am 31. August 1895 durchgeführt werden konnte. Gewählt wurden alle Vertreter der sogen. Seidl-Partei, zum Bürgermeister der frühere Stadtrat Josef Ehm, eher eine Erleichterung für den Pfarrer: "Die Person des neuen Bürgermeisters war dem Pfarrer bis jetzt ziemlich sympathisch" (S. 72 f.).


Aber bei der Sympathie sollte es nicht lange bleiben. Zwischen dem bisherigen Totengräber und Nachtwächter Josef Wilhelm Längenfeld und dem Gemeindediener Ignaz Meinl kam es zu einer massiven Auseinandersetzung. "Zur Strafe wurden beide ihres Dienstes enthoben und die Stellen zur Neubesetzung ausgeschrieben. Der Pfarrer erwartete, daß er hinsichtlich des neu anzustellenden Todtengräbers irgendwie vom Gemeindeamt gefragt werden wird. Das geschah nicht. Es wurde ganz mit Ignorirung des Pfarrers eingewisser Franz Martin zum Todtengräber (weil zugleich zum Nachtwächter) bestellt. Wäre die Wahl auf eine nicht so unglückselige Person gefallen, so hätte der Pfarrer propter bonum pacis (um des guten Friedens willen) geschwiegen. So aber sollte er bei den Leichen zur Assistenz einen vieljährigen hartnäckigen Concubinarier, der trotz wiederholter Ermahnungen, eine gesetzliche Ehe einzugehen, in seinem unsittlichen Verhältnisse weiter verharrte. Darum mußte der Pfarrer Protest einlegen. Gestützt auf den confessionellen Charakter des Bleistädter Friedhofes nahm der Pfarrer das Recht der Anstellung des Todtengräbers für sich in Anspruch, und erklärten den früheren Todtengräber Längenfeld auch weiter als solchen belassen zu wollen. Am Samstag den 23. November sollte eine Beerdigung stattfinden. Den Tag zuvor ging der Pfarrer zum Bürgermeister und fragte ihn, ob dem Begehren des Pfarrers entsprochen wird, dem Längenfeld die Friedhofsschlüssel wieder auszufolgen. Auf die verneinende Antwort des Bürgermeisters Ehm fuhr der Pfarrer sofort nach Falkenau zum Herrn k. k. Bezirkshauptmann. Dieser gab dem Pfarrer vollständig Recht, und beauftragte sofort das Bürgermeisteramt schriftlich, den Martin von der Stelle eines Todtengräbers zu entheben, dem Pfarrer die Bestellung des Todtengräbers zu überlassen und auch die Friedhofsschlüssel demselben zu übergeben. Auch diesem Auftrag entsprach das Bürgermeisteramt nicht, sondern in einer noch zu demselben Abend einberufenen Sitzung wurde beschlossen, an der k. k. Statthalterei zu rekurrieren. Die Gemeinde Bleistadt will den hiesigen Friedhof zu einen Communalfriedhof stempeln und hat auch den Recurs ergriffen, über den bis jetzt nicht entschieden worden ist. Das gab der Gemeinde den Mut, der bezirkshauptmannschaftlichen Aufforderung keine Folge zu leisten" (S. 75). Die Bezirkshauptmannschaft entschied im Falle der Bestellung des Totengräbers, daß der Totengräber weder vom Pfarrer allein noch von der Gemeinde allein bestellt werden solle. Die Friedhofsschlüssel sollen dem Pfarrer ausgehändigt werden. Gegen diese Entscheidung richtet die Gemeinde Bleistadt wieder einen Rekurs an das k. k. Ministerium für Cultur und Unterricht, womit in diesen Angelegenheiten eine endgültige Entscheidung gesucht wird. Das Ministerium entschied salomonisch bezüglich des Anstellung des Totengräbers sowie der Aufbewahrung des Friedhofsschlüssels, es solle eine einvernehmliche Entscheidung zwischen den beiden Parteien getroffen werden, widrigenfalls erfolgt eine Trennung der beiden Friedhöfe in einen Teil der Pfarrei und einen Teil der Gemeinde. (S. 78). 


Am 2. März 1897 verstarb der Protestant Karl August Becker, Handelsmann in Bleistadt. Ein evangelischer Priester aus Eger war eingeladen, die Beisetzungsfeierlichkeiten auf dem Bleistädter Friedhof durchzuführen. Auf Bitte des damaligen Bürgermeisters von Bleistadt, Josef Ehm, sollten aus diesem Anlaß auch die Kirchenglocken läuten. Die Glocken der Pfarrkirche waren in dieser Zeit während des Abrisses der alten Kirche in einem provisorischen Glockenhause installiert. Pfarrer Alois Kasparek wies das Ansinnen des Bürgermeisters jedoch empört zurück. So beschreibt der Pfarrer (in der 3. Person) daraufhin die weitere Entwicklung in dieser Angelegenheit: "aber das löbliche Bürgermeisteramt wußte sich zu helfen. Es stiftete Leute an, die zur rechten Zeit das Glockenhaus erbrochen und dem Pfarrer zu Trotz das evangelische Leichenbegängnis mit dem katholischen Glockengeläute verherrlichen sollten. Dem Pfarrer blieb nichts anderes übrig als eine Beschwerde bei der k. k. Bez. Hauptmannschaft Falkenau gegen diese beispiellose Frechheit einzubringen, welche dem Bürgermeister zwar einen strengen Verweis eintrug, aber weiter keinen Schaden verursachte".


In früheren Jahrhunderten wurden Taufen unehelich gezeugter Kinder - wohl zur Belehrung und Abschreckung der Pfarrkinder - unter Hinzuziehung von bis zu 60 Zeugen vollzogen, so daß die Schande - vor allem in den Dörfern - offenkundig wurde. Manchmal fand diese unglückliche Mutter auch den Ausweg, daß sie das Kind im nahen Wallfahrtsort Maria Kulm taufen ließ. So verwundert es nicht, daß es vom 16. bis ins 18. Jahrhundert hinein zu sehr wenig unehelich geborenen Kindern kam, auch wegen zusätzlich möglicher Bestrafung durch das Gericht des Grundherrn bzw. des Stadtgerichts. Anders wurde es zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nun meldeten die Taufbücher - wohl auch Folge der Josephinischen Reformen - einen sprunghaften Anstieg unehelicher Geburten. So fielen im Jahre 1895 in Bleistadt auf 70 geborene 25 uneheliche Kinder (S. 75). Wie ein Vorfall aus dem Jahre 1897 belegt, war der Pfarrer auch nicht immer über das sittliche Verhalten seiner Pfarrkinder voll informiert. So berichtet Pfarrer Alois Kasparek: "Ein recht trauriges Licht wirft auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Bleistadt folgender Vorfall: Kollwitz Josef und Franziska Lorenz, beide dem Tagelöhnerstande angehörig lebten mit einander über 20 Jahre im Concubinate - das Bestehen dieses Concubinates war dem gegenwärtigen Pfarrer zuerst unbekannt. Erst das Ableben eines beinahe 23 jährigen Sohnes derselben brachte ihn davon in Kenntnis. Nach einigen Aufschieben schlossen dieselben auf das Drängen des Pfarrers am 29. September 1896 mit einander die Ehe". So weit so gut. Aber die Situation eskaliert nun. Pfarrer Kasparek schreibt weiter: "Aber nach kaum einem halben Jahr verließ das Weib ihren Mann wieder um einem anderen von seinem Weibe getrennt lebenden Manne anzuhängen. Der jetzt rechtmäßige Gatte Kollwitz wollte die Franziska wieder bei sich haben, die jedoch die Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft verweigerte. Eine vorausgegangene rohe Behandlung des Mannes aber noch mehr die eigene Luderhaftigkeit des Weibes war die Ursache dieser Weigerung. Darüber erbost kaufte sich Josef Kollwitz einen Revolver und gab daraus auf sein widerspenstiges Weib 5 Schüsse ab. Er brachte ihr auch thatsächlich mehr Wunden bei von deren man anfangs namentlich eine Bauchwunde für gefährlich hi(e)lt die sich aber später alle als leicht herausstellten. Der Revolver war von sehr kleinem Kaliber, deswegen brachten die Projektile keinen großen Schaden, selbst eine Kugel nicht, die erst nach mehreren Tagen durch den hiesigen Arzt aus dem Halse der Verwundeten heraus geschnitten wurde. Der Mordattentäter wurde gleich aufgegriffen und vom k. k. Bezirksgerichte Falkenau in Untersuchungshaft genommen. Der Vorfall spielte sich am 30. März[1897] ab". Er fährt weiter fort: "Wegen versuchten Mordes an seiner Ehegattin wurde Josef Kollwitz vor das Geschworenen-Gericht in Eger gestellt, von demselben jedoch freigesprochen und somit sofort aus der Haft entlassen" (S. 82).


Auch Pfarrer Georg Adam Kanzler weiß von einer weiteren schrecklichen Tat zu berichten: "Am 6. September 1842 in der Nacht auf den 7. September ist der hiesige Bürger Vinzenz Seidl gewesener Rathswirt von dem Bräuhaus-Dach herab geschossen worden, weil er schon öfters im Bier-Kühlstock etwas hinein geworfen hat durch welches das Bier verdorben und ungenießbar gemacht wurde. Der diese That verübte war Joseph Seidl, ein Sohn von dem Bruder des Erschossenen und dazu noch sein Taufbath. Das Kriminalgericht hat dem selben straflos gesprochen, weil die Sache wie eine Nothwehr angesehen wurde" (S. 11). Der 21-jährige Joseph Seidl (geboren 4.11.1821, verheiratet mit Maria Ubl, Tochter des Spitzenhändlers und Stadtrichters Josef Ubl) ist der Sohn des bürgerlichen Braumeisters Joseph Anton Seidl.


Vom Tode eines 36-jährigen auswärtigen Arbeiters berichtet Pfarrer Carolus Köhler im Memorabilienbuch S. 37 ff: "...zum Jahre 1875 muß noch eines Todesfalles Erwähnt werden, welcher bedeutendes Aufsehen in hiesiger Gegend verursacht hat. Der Vorfall war folgender: Der Hl. Baumeister Steinl ... hatte einen gewissen Josef Röhling aus Jernaschin (?) in die Arbeit bei der Eisenbahn aufgenommen und befand sich in dieser Eigenschaft beiläufig acht Tage in Arbeit. Derselbe kam während dieser Tage daher einige Mal als geschickter Bothe nach Bleistadt. Das letzte Mal kam er am 24. April anher und machte auf Anordnung seines Lohngebers N. N. bei dem hiesigen Kaufmann Valentin Ubl eine Bestellung auf Verabfolgung eines Eymers Brantwein. Da Josef Röhling in seinem Finanzzustande etwas zerrüttet war und wegen des Nachtlagers öfter in Verlegenheit war, so suchte er durch die gemachte Bekanntschaft mit einem Eisenbahnfuhrmann, welcher Pferde hielt in dessen Stallung und des daran stoßenden Streuschuppen eine Nachtquartier bei dem Hauseigenthümer W. Pinhak No. 2. Da Josef Röhling schon früher ein bis 2 Mal ohne Vorwissen des Letztgenannten W. P. unter dessen Dache eine Liegestätte genommen hatte und auch derselbe davon Kunde erlangte, so drohte er ihm wenn Röhling es noch einmal wagen sollte in die Nähe seines Hauses zu kommen, man ihm den Weg weiterhin zeigen werde. Am obbenannten Abend nach vollbrachter Bestellung kam der Arbeiter J. Röhling nochmals zu dem genannten Fuhrmann und Pferdehalter in den Stall des W. Pinhak und bat um eine Herberge. Leg dich wieder in den Streuschuppen bedeutete er ihm, da (kannst) Du ruhig liegen. Der Hauseigenthümer W. Pinak jedoch davon in Kenntnis gesetzt, kam mit seinem Schmiedgesellen Josef Hanke in den Streuschuppen, sind über Josef Röhling her, mißhandelte ihn und transportierte denselben mit Beihilfe des genannten Gesellen über den Marktplatz ... und in der Nacht nach zwölf Uhr wurde Josef Röhling im Straßengraben 10 bis 15 Schritte vom Rathause entfernt vis a vis vom Kaufladen des Valentin Ubl vom Nachtwächter als Leiche aufgefunden, nachdem schon Vorübergehende dessen ansichtig geworden waren, jedoch schnell davon gingen ...".Jedenfalls, um die etwas langatmige Schilderung des Pfarrers abzukürzen, brachte man den leblosen Körper in das Pfarrhaus und benachrichtigte den Stadtarzt Franz Prochaska. Dieser stellte nach erster Beschau Tod durch Mißhandlung fest und erstattete vor dem Bezirksgericht Falkenau diesbezüglich Anzeige. Der herbeigerufene Bezirksarzt Dr. Kreuz stellte bei der Obduktion nur einen blauen Fleck am Halse fest und schloß, wobei eine genaue Todesursache nicht bestimmt werden konnte, auf Tod nach "Hirnerschütterung". Wilhelm Pinhak wurde später vom Bezirksgericht Falkenau zu einer nicht explizit genannten Arreststrafe verurteilt. 


Im Jahre 1879 schloß, nachdem der Bergbau im Bleistädter Revier längst eingestellt war, nun auch noch die Perlmutterknopffabrik. Über 200 Arbeiter wurden brotlos, doch konnten einige Arbeiter in die Perlmutterknopffabrik in Pichlberg aufgenommen werden. Später übersiedelte die Knopffabrik nach Bleistadt und beschäftigte dort etwa 100 Arbeiter. Viele Bleistädter wanderten notgedrungen aus, insbesondere als die Spinnereifabrik Lahusen in Delmenhorst Arbeitskräfte in der Gegend um Bleistadt und Neudek anwarb. Die Gründung der Glasfabrik 1892 brachte zunächst für die alteingesessenen Ober-Bleistädter auch kaum Vorteile, da die Fabrik ihre gut bezahlten Fachkräfte natürlich von anderen Glasfabriken heranholte, die ungelernten Arbeiter wurden häufig aus Innerböhmen akquiriert. In der Folgezeit kam es zwischen diesen beiden Bevölkerungsgrippen zu kleinen Nicklichkeiten und (meist) unbegründeten Vorwürfen. So wurden am 2. September 1893 in der Frühe "die Passanten auf der Straße von Bleistadt gegen die Zwodau zu eines traurigen Anblicks teilhaftig. Ruchlose Hände hatten in der Nacht das am westlichen Rande der Straße, beiläufig in der Mitte der Entfernung bis zu den 'Häusern im Wasser' befindliche eiserne Kreuz mit dem schweren steinernen Sockel, auf dem es ruhte, umgestürzt und das Kreuz selbst in Stücke geschlagen". Ein Verdacht, der "Frevler" wäre unter den Arbeitern der neuen Glasfabrik zu suchen, bestätigte sich nach Befragungen der Fabrikarbeiter nicht. Das Kreuz war insofern für die gläubige Bevölkerung Bleistadts von Bedeutung, als die Montags-Bittprozession, die jeweils am Montag vor Christi Himmelfahrt stattfand, als dritter Station halt machte. Dem Gerber Josef Klier vom "Wasser" (an der Zwodau) war zu danken, daß er auf eigene Kosten dieses Kreuz 1895 "von der gleichen Beschaffenheit an der gleichen Stelle" neu errichten ließ (MB S. 69). 


Eine weitere Freveltat war 1911 zu verzeichnen: "Im Herbst 1910 machte sich ein besonders starker Zuzug von Glasmachern in die hiesige Glasfabrik bemerkbar, darunter sehr viel Czechen und Gesindel, dem nichts heilig istSo demolirten in der Nacht vom 7. auf den 8. April 1911 3 Burschen (Czechen) die Statue des hl. Nepomuk auf der Zwodaubrücke, schnitten der Heiligenfigur die Finger ab, schlugen die Fenster ein" (S. 99). Im Juli 1911 wurden zudem auch noch alle drei Opferstöcke der Kirche aufgebrochen und ihr Inhalt - ca. 15 Kronen - entwendet. Gerade die neuangesiedelten Arbeiter der Glasfabrik waren auch empfänglich für ortsfremde politische Einstellungen, zumal 1896 die Wahlen zum Reichsrate kurz bevorstanden. So beklagt der Pfarrer: "Auch Bleistadt wird in der letzten Zeit von sozialistischen Agitatoren, meistens aus Falkenau, häufig aufgesucht, welche ihre politischen Versammlungen fleißig abhalten. Dieselben finden statt in dem Dörfler'schen Gasthause "im Wasser". (S. 80). Es dürfte sich um das östlich der Zwodau im Bereich der Brücke und im Nahbereich der Fabrik gelegene Gasthaus handeln, das auch heute noch besteht. 


Während des Jahres 1901 sollte endlich der Neubau der seit 1897 abgerissenen alten Pfarrkirche ausgeschrieben werden. Ein Dorn im Auge des böhmischen Klerus war die antikatholische und antisemitische Alldeutsche Vereinigung oder "Los-von-Rom"-Bewegung unter Georg Ritter von Schönerer, einem Vordenker für eine spätere weit schlimmere Ideologie. So bemerkt in einem Rückblick Pfarrer Johann Spotka: "Bleistadt was damals im Reichsrathe vertreten durch den nationalen "Los-vonRom" - Helden Ritter von Schönerer. Man ersuchte ihn seitens der hiesigen Gemeinde um seine Intervention, damit der Kirchenbau doch nicht bewilligt werden möge. Als Antwort sandte dieser "Recke von Gottes gnaden" sein Evangelium in der Form eines Packetes von Zetteln für den Abfall "Los von Rom". Das seine Antwort! Der Bürgermeister sollte diese Wische verteilen und durch bloße Unterschrift sollte die ganze Gemeinde protestantisch werden! Gott sei Dank! Die Leute waren verständiger und heller sehend als ihr Vertreter. Der Kirchenbau wurde also ausgeschrieben und ... an den Baumeister Emil Liska in Falkenau vergeben" (S. 94).


Pfarrer Kasparek verließ Bleistadt im Jahre 1898. Ihm folgte als Administrator zunächst Kaplan Anton Schicker aus Graslitz, danach Johann Spotka als Pfarrer, der 1909 Bleistadt bald darauf wieder "aus gesundheitlichen Gründen" verließ und das Pfarramt in Schippin übernahm. Ihm folgt in kurzfristiger Administration der hochw. Herrn Anton Eckert, ein nach Aussage seines Nachfolgers "braver, junger, bescheidener Priester", der jedoch "gerne" wieder von Bleistadt schied (S. 90). Das Memorabilienbuch wurde seit 1898 nicht mehr weiter geführt, aber mann kann sich vorstellen, daß sich die feindseligen Auseinandersetzungen des Klerikers mit der Gemeindevertretung zunächst fortsetzten, zumal in dieser Zeit der Neubau der Kirche mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten abzuschließen war. Als der neue Pfarrer Georg Marek in Bleistadt ankam, wurde dieses Ereignis von den Ortsgewaltigen und der Bürgerschaft bewußt ignoriert. Sein Eintreffen in Bleistadt schildert er: "Ich zog als neuer Pfarrer am 30. Oktober 1909 abends in Bleistadt ein von Niemandem empfangen, von Niemandem begrüßt als vom Meßner Ubl, der mir zur Bahn entgegen kam und mir meine Handtasche trug. Der Priester verzichtet ja ganz auf irdische Ehre u. überflüssigen Pomp, aber eines Willkommensgrußes müßte es schon vermöge seines Amtes für wert erachtet werden. Der gesellschaftliche Ton unserer Zeit würde dies verlangt haben. Schweren, recht schweren Herzens stieg ich den Berg hinan, hinauf nach Bleistadt u. dachte dabei all der Opfer, die meiner da warten werden, dachte an unseren lieben Heiland, der auch den Berg hinanstieg, aber mit dem Kreuze beladen, um für alle Menschen sein  Opfer darzubringen. Mir war so zu Mute, daß ich am liebsten wieder umgekehrt wäre. Dominus custodiat introitum meum! Dachte ich mir und betete für mich, als ich nächst der Glashütte am Wege einige halbwüchsige Bürschlein laut fluchen und Gott lästern hörte. Den Physiognomien der Leute nach zu schließen, werde ich hier wohl wenig Freunde haben! Aber ich wage es und werde meine Pflicht auch ohne Seelsorgsfreuden tun im Vertrauen auf Gott". 


Im Jahre 1910 wurde im unterbleistädter Ortsteil "Im Wasser" von Pfarrer Marek, wohl als Gegenreaktion auf antikatholische Umtriebe der "Christliche Frauenverein" gegründet, was der linken Presse offensichtlich nicht gefiel. Da wetterte der Pfarrer: "So harmlos der Verein ist, so fehlte es doch nicht an diversen Zeitungslümmeln, die diese Neugründung in ihren Sozi- und freisinnigen antikirchlichen Blättern als eine Gefahr für den Bestand der Freiheit auswerteten. Alles sahen sie schon in Bleistadt mit schwarzen "Kutten" (Talaren) verhängt!" (S. 99).


Im Jahre 1911 kommt es angesichts der bevorstehenden Reichstagswahlen und der Wahl der Gemeindevertretung offensichtlich zu einer Annäherung der beiden Ortsparteien "Seidl" und "Gerstner". "Die beiden sich bis auf's Blut bekämpfenden Bürger-Parteien scheinen sich in diesem Jahr versöhnen zu wollen. Alle Anzeichen sprechen dafür. Not lehrt beten. Vor lauter Bürgerkämpfen vergaß man ganz auf den tertius gaudens - die Glashütte mit ihrem riesigen Arbeiterkontingent. Heuer sind die Gemeindewahlen. Es wäre nun nicht ausgeschlossen, daß die Glashütte im "Wasserteile" wohin das Kapital ohnehin gravidiert, nicht auch die ganze Gemeindeverwaltung an sich reißt, wenn die einheimischen Bürger uneins sind. Das besinnt man langsam einzusehen. In der Nachbargemeinde Horn haben die erbgesessenen Bauern nichts mehr zu reden, werden von der geschlossenen Arbeiterschaft der Hütte niedergestimmt. So könnte es auch leicht in Bleistadt geschehen". Bei der Reichstagswahl vom 13. und 20. Juni 1911 erhielten in Bleistadt die Freisozialisten 107 Stimmen, die Schönerianer 80, die Freisinnigen Agrarier 21, die Sozialdemokraten 20 und dir Christ-sozialen 2 Stimmen (vgl. S. 101). Für den alldeutschen Los-von-Rom- Kandidaten Thomas "wurde von seiten des hiesigen Ludwig Gerstner, der gleichfalls vor Jahren vom Glauben abfiel, eifrigst agitiert. Die anderen Parteien verhielten sich ruhig. Die 80 Stimmen für den Los-von-Rom-Candidaten  sind daher nicht der Gesinnung der einzelnen entsprungen, sodern lediglich dem Einflusse zuzuschreiben, den der genannte Agitator Ludwig Gerstner als Inhaber eines Perlmutterknopfgeschäftes auf seine Arbeiter ausübte. Außerdem stimmten für Thomas die deutschvölkischen Turner u. ihr Anhang so z. B. der Dampftischler Leo Ubl, einer der verbissensten Anhänger für Thomas" (S. 102). Die Wahl zur Gemeindevertretung von Bleistadt im November 1911 "verlief im Gegensatz zu den früheren Jahren hier üblichen furchtbaren Wahlkämpfen vollständig ruhig. Freilich riß, wie schon a priori vorauszusehen war, die Glasfabrik mit ihrem großen Stimmenkontingent ein Großteil, ja die Hälfte der Mandate an sich. Auch viele Anhänger der Gerstner-Partei gehören der neuen Vertretung an, sodaß jetzt die früher so feindlichen Parteien nebeneinander in der Gemeindestube sitzen werden" (S. 103). Bei der Bürgermeisterwahl vom April 1913 wurde Valentin Seidl wiedergewählt, erster Rat wurde Wilhelm Gerstner, Knopffabrikant (S. 108). 


Im April 1910 wird im Stadtrat ein Antrag gestellt, wonach beschlossen werden solle, daß der Ortsname Bleistadt unübersetzlich sei und "die deutsche Sprache als einzige Geschäfts- und Verhandlungssprache des Stadtrates ausdrücklich erklärt und beschlossen werden" solle. Stadtrat Leo Freimuth als vililstimmberechtigter Vertreter der Glasfabrik erklärt, es läge ihm fern, sich in die Gemeindepolitik einzumischen, gibt aber zu bedenken, daß die Glasfabrik doppelsprachig protokolliert und unter der Ortsbezeichnung "Olovi" bei vielen innerböhmischen Kunden eingeführt sei, man müßte demnach die Firmenbezeichnung ändern und die Kunden verständigen. Dies könnte zu einer Schädigung des Unternehmens und damit auch indirekt zu einer Schädigung der Gemeinde führen. Nach erregter Debatte wird der Vorschlag des Bürgermeisters angenommen, die Beschlußfassung zu verschieben (GB S. 57). Später wurde beschlossen, den deutschen Ortsnamen nur im amtlichen Verkehr zu verwenden. 


Am 5. August 1914 wurde hier verlautbart, "daß alle fremden Wagen und Fahrer angehalten und zur Untersuchung gestellt werden sollen. Auch Luftfahrzeuge sollen abgeschossen werden, weil angeblich die Franzosen Gold (100 Millionen in Gold) auf diese Weise nach Rußland schaffen wollen. Zu diesem Zwecke müssen die hiesigen Bürger, täglich 4 - 6 Mann, Nachtwache halten" (GB # 36). 


Die Bezirksbehörde Falkenau wies die Gemeinden an, anläßlich des 80. Geburtstages des Herrn Präsidenten Masaryk am 7.3.1929 loyale Kundgebungen zu veranstalten. Die Begeisterung der Stadtverwaltung von Bleistadt hielt sich offenbar in Grenzen. So beschloss man, zur Feier des Tages lediglich die Fahne am  Rathaus zu hissen. 

  


 

 
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