Stowasser - ein egerländer Familienname und seine Ableitung vom Stobitzhof

1. Die Stowasser vom Stobitzhof

Die Ausbreitung von Familiennamen hat man sich in der Zeit des Hochmittelalters so vorzustellen, daß Söhne etwa eines ansässigen Bauern, die nicht das Hoferbe antreten konnten, vom Heimatort in die Nachbarschaft gezogen sind und sich hier angekauft oder eingeheiratet haben. In dieser Zeit reichen angesichts einer rasanten Bevölkerungsvermehrung alleine die Rufnamen nicht mehr aus, um Personen eindeutig benennen zu können. So kommt es zur Belegung mit einer weiteren Namensbezeichnung der zu identifizierenden Person, die sich aus einer bestimmten persönlichen Eigentümlichkeit ableitet, die den Träger vor allem von seinen Nachbarn aus dem sozialen Umfeld unterscheiden soll. Zur Namengebung bieten sich etwa der Beruf, ein körperliches Attribut (z. B. Rotkopf"), vom Namen des Vaters (Patronymika), dem Spitznamen, seinem Wohnsitz oder seiner Herkunft etc. an. Diese Eigentümlichkeit entsteht im Falle der Benennung nach einer entfernteren Lokalität erst nach dem Wegzug der Person vom Ausgangsort, macht dann erst die Herkunftsbezeichnung zum Unterscheidungsmerkmal. So war eben "am neuen Wohnort die Herkunft eines Menschen bekannter als sein Name" (Schwarz Ernst: Sudetendeutsche Familiennamen des 15. und 16. Jahrhunderts. München 1973, S. 37). 


In unserem Falle ist davon auszugehen, daß dieser (natürlich nur der männliche) Zuzügler vom Stobitzhof seinen "Stobysser"-Namen von seinen neuen Nachbarn erhalten hat. Dann müßte aber dieser Zuzugsort und damit die Tatsache der Namensgebung auf die nähere Umgebung des Stobitzhofes beschränkt bleiben, wo diese doch sehr kleine Lokalität den Leuten am Zuzugsort zumindest dem Namen nach noch geläufig war. So stellt der Namenforscher Ernst Schwarz bei seiner Untersuchung nach den Ausgangsorten der nach Herkunftsorten benannten Familienamen des Egerlandes fest: "Am zuverlässigsten sind Herkunftsnamen wie Stobosser, wo die Namen vom Stobitzhof ausstrahlen ..." (Schwarz Ernst: Sudetendeutsche Familiennamen des 15. und 16. Jahrhunderts, München 1973, S. 37), einem Doppelhof zwischen Eger und Neukirchen am Fleißenbache gelegen. Beim Familiennamen Stowasser liegt somit einer der seltenen Fälle vor, wo der Herkunftsname sogar auf einen einzelnen Hofkomplex zurückgeführt werden kann, den Stobitzhof östlich von Wildstein, im hochmittelalterlichen deutsch-wendischen Siedlungsbereich des oberen Egerlandes gelegen. 


 

 

2. Die Stowasser im Egerland in der frühen Neuzeit

 

Für das Jahr 1525 ist uns das sogenannte Elbogener Urbar" der Grafen Schlick und im Anhang das Hartenberger Urbar aus dem Jahr 1526 überliefert, welches die einzelnen in diesem Gebiet wohnenden Personen auflistet. Hier sind in folgenden Orten Stowasser/Stobitzer genannt (nach: Schreiber Rudolf: Das Elbogener Urbar des Grafen Schlick von 1525. Prag 1934. 

- Rolessengrün bei Königsberg (1x)

- Königswerth bei Falkenau (1x)

- in der Herrschaft Hartenberg: Gossengrün (1x), Loch (1x), Plumberg (1x) und 4 Familien in Pürgles/Marklesgrün

Offensichtlich hat sich im südlichen Bereich der Herrschaft Hartenberg und der Gegend an der Eger zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein sogenanntes Sippennest der Stowasser gebildet (vgl. die Skizze in Schreiber, Elbogener Urbar, S. 36). 


1641 wird im Taufbuch von Bleistadt ein Balthasar Stowasser genannt. 

Das Untertanenverzeichnis aus dem Jahr 1651 weist - nach den Umwälzungen des 30jährigen Krieges eine Häufung der Stowasser-Familien in der Herrschaft Hartenberg auf (F: Familie; #: Einzelperson):

- Hartenberg 1 #

- Gossengrün: 2 F

- Loch: 2 F

- Plumberg: 3 F, 1 #

- Werth: 2 F

- Robesgrün: 1 F, 1 #


Im Schönbacher Land hat sich in dieser Zeit in den Orten Schönbach, Absroth und Zech der Familienname "Stowitzer" gebildet. Im südlichen Thüringen tritt der Name "Stobitzer" auf, möglicherweise eine Variante des Namens mit den gleichen Wurzeln.



 

 

3. Der Stobitzhof

 

In Egerer Urkunden wird die Örtlichkeit 1301 als "villa stopico", 1392 und 1395 als "Stabossen" bezeichnet, so auch 1401 und 1450. Im Jahre 1626 wird erstmalig die Bezeichnung "Stobitzerhof" angeführt. Zum Namen des Stobitzhofes hat die Sprachwissenschaft zwei unterschiedliche Ableitungen veröffentlicht, die hier nur angeführt, nicht jedoch kommentiert seien:


Version "Stoboš" nach Rudolf Fischer: Fischer stellt hierbei fest: "In der Mundart hieß der Ort, bevor sein Name um hof (hu(a)f) erweitert wurde, sicher ståuwaßn, das nur aus Stobošín, 'der Besitz des Stoboša, e' erklärt werden kann. Stoboša, e ist die Koseform des zweistämmigen Vollnamens Stobor, der auch im Ortsnamen Stobo'rice vorliegt (nach Liewehr). Schwarz operiert mit einer 'ma. [mundartlichen] Aussprache štu(a)w(a)tshu(a)f'', die aber nicht existiert". Dieses Staboßen wird hier vom slawischen Personenamen "Stoboša" abgeleitet, mit der entsprechenden Ortsbezeichnung "Stobošín", analog zur Angleichung bei der Bezeichnung des benachbarten Ortes "Milošin" zu "Mühlessen". 


Version " Staboš" nach Antonin Profous und Ernst Schwarz: Nach Schwarz (1931) deutet die mundartliche Bezeichnung štu(a)w(a)tshu(a)f  "mit seinem u(a) der ersten Silbe auf ein gedehntes 'o'. Ein PN [Personenname] *Stoboš oder *Stovoš scheint aber nicht belegt werden zu können". Weiter: "Staboßen wurde durch hof eingedeutscht, war damals also gewiß nicht groß, ... [der] Stobitzhof ... ist Hof geblieben". Profous (1957) verweist bezüglich des mundartlichen "štouwatshuaf" auf älteres "Stabošin" und damit auf den Personennamen Staboša. Später (1961) geht Schwarz noch einmal auf Fischer sowie in der Herleitung des "Staboša " auf Profous ein: "Stobitzhof ... wird von R. Fischer unrichtig als Stobošin erklärt, denn das mda. "štouwatshuaf" weist auf ein älteres stouw(a)sn und damit auf den PN Staboša (richtig Prof[ous] IV 172). Svoboda macht (bei Profous) weist noch darauf hin, daß Personennamen mit Sto- ursprünglich auf Zde zurückgehen". 


Der Version von Schwarz und Profous schließt sich auch Willibald Roth in seinem Beitrag in Schreiners Heimatbuch über Stadt und Kreis Eger an und ergänzt: "STOBITZHOF, mundartlich 'Schtåuwatshuaf', schon die ersten Schreibungen wiechen voneinander ab, meinen aber die gleiche Aussprache: 1392 und 1395 'Staboßon' im Kreisheimatbuch, 'Stobaßen' bei Sturm (Distr. Egr.), 'Staboßen' bei Fischer. Alle drei Formen müssen zu der Zeit 'Schtåuwasn' (aus slaw. 'Stobošín') ausgesprochen worden sein, oder besser, sie sind Rückbildungen für die Schrift aus einer Mundartform". Daraus wurde der Haus und Familienname 'Schtåuwas', 'Schtåuwats' gebildet, der in die Schrift mit 'Stobitz' übernommen wurde. "Die Erweiterung mit 'hof' ist seit 1626 belegt: 'Stobitzerhof'. Der Name ist kein Mischname (slawischer Personenname + deutsches Grundwort), [sondern ein] rein slawischer Name.... Die slawischen Ortsnamen ...stehen im Egerland zum größten Teil in einem Zusammenhang mit einem Personennamen, aber nicht wie im Deutschen: Personenname + Grundwort [beispielsweise Name + reuth, grün etc], sondern Personenname + Suffix, wie es im Deutschen nur bei den ing- Namen vorliegt. Sigmaringen z. B. bedeutet 'die Leute des Sigmar'. Die Slawen konnten ici, ov, in oder j(i) an den Personennamen anhängen und erhielten dann die Bedeutung 'die Leute des N'." Alle Ableitungen verweisen somit ursprünglich auf einen slawischen Personennamen "Stobosch", "Stabosch" oder ähnlich, der sich, wie auch immer die späteren Besitzer des Hofes geheißen haben mögen, als Orts oder Hausname über die Zeit erhalten hat". Vgl. hierzu auch den Artikel von Hans Michael Hanika unter dem Titel "Zum Namen Stowasser-Hundetwasser" in der Zeitschrift "Sudetendeutsche Familienforschung" Band XIII, Heft 8 Seite 315 f.



 

 

4. Geschichte des Stobitzhofes: 

Erstmals wird zum Stobitzhof im Egerer Achtbuch von 1376 ein Fritsche Krawthan erwähnt. 1392 wird der Stobitzhof im Klauen-Steuerbuch von 1392 aufgeführt, einer Steuerliste, die sich an Anzahl der Klauen, also der Nutztiere orientiert, woraus sich die Besteuerung eines Hofes errechnet. Damals existieren hier bereits zwei Höfe, belegt durch die Personennamen "Prawt" und "Krauthan". Drei Jahre später werden im Egerer Musterungsbuch von 1395 ein Nickel Prait und ein Perchtold erwähnt. Der Stobitzhof hat aber mit Sicherheit bereits vor der baierischen Ostsiedlung bestanden, die für den östlichen Bereich der alten Region Eger gegen Mitte bis Ende des 12. Jahrhunderts einsetzte, als in Fleissen (1199), Wildstein (1166), Mühlessen (1219) und Wogau (1216) befestigte Ministerialensitze urkundlich nachgewiesen sind. 


In einer Urkunde vom 25. Juli 1401 wird der Stobitzhof wieder erwähnt, als Gertraud, die Witwe nach Babo von Sparneck und ihr Sohn Johann "videlicet siluam sitam inter nemus de Wiltstein et curiam predicti claustri, quae dicitur walde, cum piscatura de mulgrune usque in Brucklins et stopico ville immediate predicto", nämlich einen Wald zwischen der Lichtung bei Wildstein und dem Hof des vorgenannten Klosters, genannt Walde (Wallhof = curia de walde) mit den Fischgründen von Mühlgrün bis gegen Bruck und zum nahegelegenen Stobitzhof, unmittelbar bei dem vorgenannten Ort gelegen dem Kloster Waldsassen verkaufen.


So stellt die Form des Stobitzhofes als Weiler neben dem Rundling gerade ein Beispiel für slawische Siedlungsformen dar. Auch nach den Ergebnissen der Flurformenforschung ist eben der Stobitzhof an der nördlichsten Stelle des Bereiches  der slawischen Besiedlung am Fleissenbach mit Block- und Streifenfluren zu finden (Ettel Ernst: Beiträge zur Siedlungsgeschichte des Egerer Kreises. Pressath 2004, S. 71). Das Dorf der nordgauischen Ostkolonisation besteht hingegen bereits bei seiner Gründung aus einer Vielzahl von Höfen mit festgelegten Fluren, angelegt als Gewannflur, die durch ihre längliche Form auch für Verwendung des Eisenpfluges eher begünstigte. Die beiden Stobitzhöfe trugen noch im 18. Jahrhundert zur Versorgung des Pfarrers von Frauenreuth mit jährlich 3 Schock (= 180 Pfennige), der 30. Gans und dem 30. Lamm bei (Archiv der Geschichte und Statistik von Böhmen, Dresden 1792, S. 264). Wie Jaroslav Schaller anmerkt, besitzt das Dörfchen Stobitzhof noch bis zum Jahre 1785 "eine alte Gerechtigkeit, mit allen Gattungen der Hunde im ganzen Egrischen Bezirke zu hätzen und zu jagen, daher auch selbes jährlich eine gewissen Anzahl von Hasen und Hühnern der egerischen Losungkamer liefern muß" (Schaller, Josef Frantisek Jaroslav: Topographie des Königreiches Böhmen, Teil I: Elbogener Kreis, S. 226 f.), ein Recht, welches möglicherweise auf ein ins frühe Hochmittelalter zurückreichendes Privileg hinweist. Im toporaphischen Post-Lexikon Böhmens aus dem Jahre 1798 besteht der Ort "aus zwei einsch(ichtigen) Höfen und ein(em) Häuschen d. Hft. Eger gehörig" (Crusius Christian: Topographisches Post-Lexikon aller Ortschaften der k. Erblande, I. Teil, Wien 1798, S. 619).


Im frühen 20. Jahrhundert ist der Weiler Stobitzhof Teil der Gemeinde Mühlessen mit den beiden Vierseithöfen Pleier (Haus Nr. 17) und Trapp (Haus Nr. 18) sowie einem Arbeiterhaus des Trapp (Nr. 19) (vgl.: Schreiner Lorenz: Heimatkreis Eger, Amberg 1981, S. 187). Dieser uralte Weiler Stobitzhof existierte mit seinen beiden Höfen bis zur Vertreibung der deutschssprachigen Bevölkerung 1945/46. Später wurden die leerstehenden Gebäude durch die Tschechen weitgehend eingeebnet, so daß heute nur noch wenige Reste von Grundmauern zu sehen sind.